Dienstag, 31. März 2026

Kagura-Tänze..

 ... gibt es seit über 1.300 Jahren. Sie wurden ursprünglich als Ritual aufgeführt, um die Götter zu besänftigen, besonders in Shinto-Schreinen. Jede Bewegung im Kagura-Tanz hat eine tiefere Bedeutung, die von der Schöpfung der Welt bis hin zum göttlichen Schutz der Menschen reicht. Der Kagura-Tanz ist am bekanntesten mit dem Mythos von Amaterasu, der Sonnengöttin, verbunden, die mit dem Tanz aus ihrer Höhle gelockt wurde und so das Licht wieder in die Welt brachte, daher sind Kagura-Aufführungen in und um Takachiho wohl besonders verbreitet, auch wenn Kagura prinzipiell in ganz Japan aufgeführt wird. 

Die Tänze werden oft von traditionellen Shinto-Instrumenten begleitet, wie Flöten, kleinen Taiko-Trommeln oder Shamisen (gezupften Lauten), die zur spirituellen Atmosphäre beitragen. Im Takachiho Schrein gibt es jeden Abend ab 20 Uhr ein einstündiges Tanzritual, welches in einem kleinen Theater direkt auf dem Schreingelände aufgeführt wird. Es ist für Touristen aus dem In- und Ausland konzipiert, kostet lediglich umgerechnet 6€ Eintritt und greift vier verschiedene Tänze auf, welche durch kurze Pausen unterbrochen werden, in denen ein Priester auf Japanisch einige Erklärungen zu den Tänzen ausführt. Im Winter gibt es zwei Tage, an denen eine umfangreichere Performanz gezeigt wird, welche die ganze Nacht dauert und wohl 33 mythische Tänze beinhaltet. 

Die Bühne ist kaum erhöht. Das Publikum sitzt ohne Schuhe auf Tatamimatten auf dem Boden. Die ausschließlich männlichen Schauspieler trugen Masken, um unterschiedliche Gottheiten zu verkörpern. Für uns waren bereits der Spielraum und die Art, mit der sich die Tänzer/ Schauspieler bewegten interessant, da sich die Aufführung von uns bekannten Theateraufführungen unterschied. Etwas überrumpelt wurden wir, als ein Gott und eine Göttin in einem Tanz zunächst rituell zusammen Reiswein tranken und dann "angeheitert" gen Publikum kamen und dieses in ihre Performanz einbezog. Wir waren zeitig gekommen uns saßen so ganz vorn. Wir verstanden die japanischen Erklärungen nicht, doch es wurde deutlich, dass die angeheiterten Götter einander eifersüchtig machen wollten und so kam die "Göttin" auf meinen Mann zu und umarmte diesen. Der "Gott" war wütend und "schubste" meinen Mann eifersüchtig auf den Boden. Die Fallhöhe war entsprechend gering, da wir ohenhin auf Tatamimatten auf dem Boden saßen. Anschließend gingen die Götter eine Runde durchs Publikum und wiederholten das Spiel mehrfach in wechselnden Rollen, bevor sie wieder auf die Bühne kamen und sich für alle sichtbar miteinander versöhnten. 

Auch ohne die japanischen Erklärungen zu verstehen und alle dahinterliegenden Mythen zu kennen war es für uns ein sehr interessantes kulturelles Erlebnis. Die Kinder fanden es natürlich besonders toll, dass ihr Papa ins Spiel einbezogen worden war. 

Ein Kagura Tänzer auf der Bühne, welche mit ver-
schiedenen shintoistischen Symbolen geschmückt ist.
Zwischen den Tänzen erklärte ein Priester ein paar
Sachen auf japanisch.
Mittendrin statt nur dabei: eine "Göttin" umarmt
meinen Mann.
Im Hintergrund der Szene is die Höhle aus dem 
Mythos zu sehen, am rechten Bildrand Musiker, 
welche die Tänze instrumentell begleiteten.

Montag, 30. März 2026

Takachiho...

 ... kann als ein Ort beschrieben werden, an dem sich Mythos und Natur so eng verweben, dass man manchmal nicht mehr weiß, ob man gerade durch eine Landschaft wandert oder durch eine Geschichte. Takachiho ist einigen Quellen nach mythologisch einer der wichtigsten Orte Japans. In der Vergangenheit soll es mehr als 500 Schreine in diesem Gebiet gegeben haben. 

Zentral gelegen und von uns zuerst besucht liegt der rund 1.900 Jahre alte Takachiho Schrein. Beim Betreten des Shrine-Geländes, also beim Durchschreiten der Tori, tauchten wir direkt in eine beruhigende Stille ein. Zumindest ein Teil dieser Atmosphäre ist den riesigen, jahrhundertealten Zedern zu verdanken, die sich wie schützende Wächter über den Weg und den eigentlichen Schrein neigen. Der Schrein selbst ist ein typischer Shintō-Schrein: ein Ort, an dem die Kami – die Götter oder spirituellen Kräfte Japans – verehrt werden. Die Götter in Japan sind tief mit Naturphänomenen verbunden: Bergen, Flüssen, Bäumen... Dieser Ehrfurcht vor und Verbundenheit mit der Natur kann man sich nicht entziehen und das möchte ich auch gar nicht. Das japanische Götterverständnis, soweit ich es verstehe, resoniert mit meinen Empfindungen jedenfalls deutlich mehr als die abgehobenen "allmächtigen" Gottheiten der drei großen Weltreligionen. 

Jeder Schrein in Japan ist unterschiedlichen Gottheiten gewidmet. Beim zentralen Takachiho Schrein waren es wohl die Gottheiten der Landwirtschaft, Ehe und Reinigung. Mein Mann und ich vollführten das Ritual, welches für Glück und Harmonie in der Beziehung und Reichtum und Wohlstand für unsere Nachkommen steht. Zwei der unzähligen mächtigen Bäume auf dem Gelände gelten als die "verheirateten Zedern" (Meoto Sugi). Unterirdisch sind die Bäume an ihren Wurzeln miteinander verwachsen, was die enge Bindung zwischen Ehepartnern symbolisiert. Überirdisch sind sie zudem durch ein Shimenawa verbunden. Shimenawa sind heilige, meist aus Reisstroh geflochtene Seile im Shintoismus, die den Übergang von der profanen zur göttlichen Welt markieren. Sie hängen an Schreinen, Tori-Toren, Bäumen oder Felsen, um deren Heiligkeit zu kennzeichnen, böse Geister abzuwehren und die Anwesenheit von Göttern zu symbolisieren. Die beiden Felsen im Meer vor der Itoshima Halbinsel, die als Couple Stones bekannt sind, werden bspw. ebenfalls durch ein Shimenawa verbunden und sind somit keine gewöhnlichen Felsen mehr. Bei den verheirateten Zedern in Takachiho will es der Brauch, dass Paare sie dreimal gemeinsam Händchen haltend umrunden, um Glück und Harmonie in ihre Beziehung zu halten. Haben wir gemacht!

Die Kinder vergnügten sich in der Zwischenzeit mit der Bemalung von Emas. Ema sind kleine Holztafeln, die in shintoistischen Schreinen (und teilweise auch buddhistischen Tempeln) in Japan genutzt werden, um Wünsche, Gebete oder Dankesworte an die Götter zu richten. Auf einer Seite sind sie i.d.R. mit Bildern mit Bezug zum jeweiligen Schrein bedruckt. Besucher schreiben ihre Anliegen auf die leere Rückseite und hängen die Tafeln am Schrein an dafür vorgesehenen Holzgerüsten auf, in der Hoffnung, dass die Götter sie erhören. Die kleinen Tafeln werden für einen festen Betrag gekauft und werden aktiv zur Kommunikation der eigenen Wünsche genutzt. Was wir in Takachiho nicht, aber in Dazaifu gemacht hatten, war (für einen geringeren Betrag) kleine Zettel mit einer Vorhersage zu kaufen. Diese kleinen Zettel nennen sich Omikuji und weissagen ein großes Glück oder Unglück oder etwas dazwischen. Diese kann man auch an dafür vorgesehene Leinen oder Äste am Schrein knoten. Im Normalfall stecken die Japaner gute Orakelsprüche in die Tasche und nehmen sie mit, damit das Glück einen im Alltag begleitet und die Vorhersage in Erfüllung geht. Ungünstige Prophezeihungen werdenhingegen fast immer am Schrein festgeknotet. Damit überlässt man das Pech den Gottheiten an dem heiligen Ort, damit es nicht an einem selbst hängen bleibt. Da man solche Bräuche natürlich immer drehen und wenden kann, wie man sie braucht, kann man jedoch auch gute Prophezeihungen festknoten, um die Verbindung zur Gottheit zu stärken und sie zu bitten, dass das versprochene Glück auch wirklich eintritt

Ema am Takachiho Schrein.

Der Schrein inmitten von jahrhunderte alten Zedern.
Die Kinder malen und schreiben ihre Wünsche auf
die Holztäfelchen.
Die verheirateten Zedern umrundeten
wir drei Mal im Uhrzeigersinn.

Neben dem Takachiho Schrein gibt es am Rande von Takachiho noch den weithin bekannten Amanoiwato Schrein und die Amanoyasukawara Höhle in der sich acht Millionen Götter getroffen haben sollen. Der Ort ist Schauplatz eines zentralen Mythos der japanischen Kultur. Es ist der Mythos über die Sonnengöttin Amaterasu. Diese zieht sich nach einem heftigen Streit mit ihrem Bruder Susanoo (dem Sturmgott) tief gekränkt in die Felshöhle Amano Iwato zurück und verschließt den Eingang. Da sie die Sonne verkörpert, versinkt die Welt augenblicklich in völliger Dunkelheit und Chaos bricht aus. Um sie wieder hervorzulocken, versammeln sich acht Millionen Götter in der Höhle Amanoyasukawara und schmieden einen Plan: Sie hängen einen Spiegel vor den Eingang und feiern ein lautes Fest. Die Göttin Ame-no-Uzume tanzt so wild und humorvoll, dass die Götter in schallendes Gelächter ausbrechen. Neugierig geworden, lugt Amaterasu hervor. Als sie ihr eigenes strahlendes Spiegelbild sieht, ist sie so fasziniert, dass sie einen Schritt nach draußen macht, woraufhin die Götter sie ganz heraus ziehen und die Höhle mit einem heiligen Seil (Shimenawa) versiegeln. So kehrte das Licht in die Welt zurück.

erklärt er den Ursprung natürlicher Phänomene wie einer Sonnenfinsternis. Zudem begründet er religiöse Riten wie den rituellen Tanz Kagura, von dem ich im nächsten Blogbeitrag berichten werde, und das Aufhängen von Shimenawa-Seilen. Als zweites legitimiert der Mythos die kaiserliche Linie, denn die Sonnengöttin Amaterasu gilt als eine Urahnin des japanischen Kaiserhauses. Die Geschichte bezeugt folglich die göttliche Herkunft der Familie. Der Spiegel, in welchm Amaterasu sich beim Blick aus der Höhle selbst erblickte, stellt eins der drei Throninsignien Japans dar. Zum Dritten thematisiert der Mythos den Kreislauf von Ordnung, Chaos und der Wiederherstellung der kosmischen Harmonie durch Gemeinschaft und Freude. 

Der Gott Ame-no-Tajikarao am Eingang
zum Westschrein des Amano-Iwato-Schreins.
Der Gott schob den Felsen, der den Eingang
zur Höhle, in der sich die Sonnengöttin versteckte,
zur Seite. Wird häufig in traditionellen Kagura
Tänzen thematisiert. 
Vor dem Tori wehen farbenfrohe Koinobori -
die Karpfenfahnen. Die Karpfen symbolisieren
Kraft, Ausdauer und Erfolg und sollten in
der Vergangenheit wohl vor allem den Söhnen
Stärke und Erfolg im Leben wünschen. Heute
steht es offiziell für das Glück aller Kinder.
Trotz einiger Besucher entlang des Weges hatte der
Ort etwas magisches, beruhigendes. 
Hier hätte ich eine Weile einfach nur bleiben und
sein können 

Der Weg zur Höhle in welcher sich die acht Millionen Götter getroffen haben sollen führt durch einen bemosten Wald und über einen kleinen Flusslauf. Je näher man zur Höhle kommt, umso mehr Steinpyramiden säumen den Weg und rings um die Höhle selbst kann man abseits des Weges nicht laufen, ohne auf eine der kleinen Steinpyramiden zu treten. Man kann, unabhängig von der Größe, so viele Steine aufschichten, wie man möchte. Zum Abschluss obenauf kann man noch ein Geldstück legen. Das symbolisiert eine Opfergabe an die Götter und soll helfen, dass diese einem zuhören. 

Die Amanoyasukawara Höhle.
Der Fluss bringt immer wieder
neue Steine für Steinpyramiden mit.
Es herrscht eine besondere Atmosphäre in und
um die Höhle.
Das ist ein Ort wie gemacht für Mythen.
Zusätzlich zu den göttlichen Aspekten ist Takachiho auch bekannt für seine spektakuläre Schlucht, die Takachiho Gorge. Steile Basaltwände, Wasserfälle, die sich elegant in die Tiefe stürzen, und mittendrin: kleine Ruderboote, mit denen man direkt durch die Schlucht fahren kann. Wer eine Reise durchs ländliche Kyushu plant, wird zwangsläufig auf diese Bilder im Internet stoßen. Wir wollten uns selbst ein Bild von der Schlucht machen und schauen, ob diese so magisch wäre, wie es die Fotos suggerieren. Häufig kommt es aber anders als man denkt und so auch in diesem Fall. Als wir kurz vor Mittag Takachiho erreichten, war nicht nur der Parkplatz in der Nähe der Schlucht überfüllt, sondern ein Schild am Eingang des Parkplatzes wies uns auch darauf hin, dass die Ruderboote bereits für den gesamten Tag ausgebucht sein. Ein weiterer Grund noch einmal in die Gegend zu kommen und die Bootsfahrt beim nächsten Besuch auszuprobieren. 

Wir wollten den 'göttlichen' Tag damit beenden einem Kagura-Tanzzeremoniell im Takachiho Schrein beizuwohnen. Da diese erst abends 20 Uhr begannen, fuhren wir zunächst noch zur Kunimigaoka Aussichtsplattform, um von dort den Sonnenuntergang zu betrachten. Wir erreichten den Parkplatz am gut fünfhundert Meter hohen Aussichtspunkt leider ein paar Minuten zu spät. Beim Einparken sah ich gerade noch die Sonne hinter einer Bergspitze verschwinden. Wir nutzten die Zeit dennoch, um den Aussichtsbereich im Dämmerlicht zu erkunden. Vom Kunimigaoka Viewing Point blickt man über die umliegenden Berge Takachihos bis zum Mt. Aso. Bei gutem Wetter kann man ein weites Panorama aus Hügeln, Tälern und (bei den richtigen Wetterverhältnissen besonders besonders am frühen Morgen im Herbst) ein berühmtes Wolkenmeer (Unkai) betrachten. Wir entspannten auf dem Berg, ehe wir zurück in den Ort fuhren für die Kagura Tanzaufführung im Takachiho Schrein. 

Mehrere Schaukeln rings um den Kunimigaoka
Aussichtspunkt boten Gelegenheit zu einem 
entspannt verspielten Betrachten der Landschaft.
Einige Götterstatuen am Aussichtspunkt.
Der Sonnenuntergang taucht den Himmel in warmes
Licht, die blühende Zieraprikose im Vordergrund
bringt ebenfalls Farbe in die Szenerie. 

Samstag, 28. März 2026

Aquädukt, Wasserfall, Bambuswald und Reisterassen...

 ... grüßten uns, als wir den Großstadtbereich verließen und in Richtung ländliches Kyūshū fuhren. Nachdem wir das Dinosauriermuseum von Mifune angeschaut hatten, folgten wir der Hauptstraße gen Osten bis nach Yamato. 

Die  Kleinstadt Yamato auf Kyūshū ist eine ländliche Gemeinde in der Präfektur Kumamoto, gelegen am südlichen Rand der Caldera vom Vulkan Aso. Die Gegend ist bekannt für ökologischen Landbau, die historische Tsujunkyo-Brücke und ihre bergige Landschaft
. Aufmerksam geworden bin ich bei den Reisevorbereitungen auf die Gegend durch die Tsujunkyo-Brücke aus der Mitte des 19. Jh.. Die Brücke ist ein steinernes Aquädukt (das größte Japans) und wurde errichtet, um Wasser zur Bewässerung der landwirtschaftlich trockenen Shiraito-Hochebene zu leiten. Bei Touristen beliebt ist das Steinbogenaquädukt, da zum rausspülen von Sand und anderen Ablagerungen regelmäßig 13 Uhr für eine knappe halbe Stunde Wasser aus dem Sasahara Fluss zu beiden Seiten der Brücke hinab in den Gorokataki Fluss stürzt, was den Bildern nach zu urteilen ziemlich spektakulär aussieht. Wir erreichten die Tsujun Brücke erst am späteren Nachmittag gegen vier und ohne die Wasserfontäne ist es eine schicke, gut 20 Meter hohe und knapp 76 Meter lange, Steinbogenbrücke umgeben von Reisfeldern und Bäumen, aber nichts super besonderes. Technisch beeindruckt das Aquädukt mit der Funktionsweise eines umgekehrten Syphons, wobei Wasser zunächst bergab durch ein Rohr geleitet und anschließend durch den entstehenden Druck wieder nach oben gedrückt wird.  

Reisfelder, Landschaftspark und Tsujunkyo-Brücke.

Betrachtete man die Brücke nicht aus dem Tal, sondern nähert sich durch den Wald dem Brückenkopf, lief man durch einen interessanten Mischwald. Zwischen einigen Nadelbäumen wuchs sehr viel Bambus - ebenso hoch wie die Bäume. Den Bambuswald fand ich sehr spannend. Wir sahen später noch häufiger Bambuswälder, aber beim ersten Mal ist es meist besonders beeindruckend und so empfand ich es an diesem Ort, zumal wir die einzigen Besucher in der Gegend waren. Der Bambus in der Gegend reichte von kleinen Pflanzen in Hüfthöhe (Bambus gehört schließlich zur Familie der Süßgräser.) bis zu mehere Meter hohen verholzten Pflanzen. 

Starke Redhead! 
Eine andere Waldatmosphäre als im europäischen
Mischwald. 

Ein entspannter Spaziergang durch den Wald.
Der Gorogataki Wasserfall.
Die Gorogataki Hängebrücke.

Vom Brückenkopf war es auch nicht weit bis zum Gorogataki Wasserfall. Gorogataki ist mit rund 50 Meter Fallhöhe der höchste Wasserfall in Yamato und über einen schönen Waldweg zu erreichen. Über die Schlucht führ zudem eine Hängebrücke. Viele spannende Dinge zum Entdecken mit Kindern. Bis wir wieder beim Auto waren zeigte die Uhr schon fast 18 Uhr, weshalb wir uns auf den Weg zu unserer nächsten Unterkunft, der Bar El Campo, mitten im Nirgendwo am Rande einer Straße unweit des Gokase Flusses machten. Im Winter kann man in dieser Gegend wohl Ski fahren. Irgendwo hatte ich gelesen, dass es das südlichste Skigebiet Japans sei. Davon bekamen wir Anfang April zwar nichts mit, aber urig gemütlich war es in der Holzhütte allemal! Zum ersten Mal auf unserer Japanreise schliefen wir in der Unterkunft auf Futons, welche im Dachgeschoss des Hauses auf dem Boden ausgebreitet waren. Gerade mit Kindern sind Futonübernachtungen natürlich super. Abenteuer auf niedriger Höhe. 

Unsere Unterkunft in der Nähe von Gokase.
Einmal Erdgeschoss und... 
... einmal Obergeschoss.

Am nächsten Tag von Gokase nach Takachiho hielten wir an den Tokubetto Reisterassen. Fotos von Reisterassenlandschaften faszinieren mich schon länger und auch, wenn es auf Kyūshū keine endlos großen Reisterassen gibt, wie man es auf Bildern von Indonesien oder den Philipinen bspw. sehen kann, so wollte ich mir gern selbst ein Bild von dieser Landwirtschaftskultur in Japan machen. Reisterassen zeigen meiner Meinung nach eindrucksvoll, wie Menschen über Jahrhunderte hinweg Landschaften geformt haben, um Nahrung auch in bergigen Regionen anzubauen. In den terrassenförmig angelegten Feldern wird Wasser gehalten und gleichmäßig verteilt – eine Voraussetzung für den Nassreisanbau. Je nach Jahreszeit verändern sich die Farben dieser Landschaften: spiegelnde Wasserflächen im Frühjahr, sattes Grün im Sommer und goldene Erntefelder im Herbst. Wir erwischten die Zeit im Frühjahr bevor das Wasser auf die Felder geleitet wird, weshalb wir nur die nicht ganz so spektakuäre, trockene Erde der Terassen vor uns sahen. Wir hatten trotzdem eine unvergessliche Zeit mit viel Spaß - besonders auch auf den abenteuerlichen Zu- und Abfahrtswegen auf denen ich dankbar für unser kleines, kompaktes Auto und nahezu keinen Gegenverkehr war. 

Redhead an den Tokubetto Reisterassen.
Von dort war es nur noch ein Katzensprung nach
Takachiho. Davon erzähle ich im nächsten Eintrag.

Donnerstag, 26. März 2026

Ein Auto in Japan...

 ... zu mieten mag zunächst nicht die naheliegenste Option zu sein. Ein Land, das für perfekte Zugverbindungen bekannt ist – und wir setzen uns freiwillig ans Steuer im Linksverkehr. Da wir allerdings sehr gern abseits der großen Städte und Touristenströme unterwegs sind und mit Kindern gleichzeitig noch flexibel und  bequem (schließlich hatten wir Urlaub!) reisen möchten, hatte ich eingeplant beim Verlassen von Kumamoto vom ÖPNV auf Individualverkehr umzusteigen. Zumal ein Erleben unterschiedlicher Verkehrsmittel auch unterschiedliche Eindrücke der jeweiligen Kultur vermittelt. 

Die erste Herausforderung, wenn man als Ausländerin ein Auto in Japan mieten möchte, besteht darin, einen entsprechenden Führerschein vorweisen zu können. In der EU gilt unser EU Führerschein. Total entspannt. In den USA oder Neuseeland hieß es, dass man unbedingt einen internationalen Führerschein haben muss, weshalb wir stets das nur für  max. 3 Jahre gültige Papierheft beantragten, welches meist allerdings nicht interessierte. Lief auch entspannt. Für Japan hatte ich mich zum Glück vor der Beantragung des internationalen Führerscheins belesen: Der in Deutschland übliche internationale Führerschein nach dem Abkommen von 1968 wird in Japan nicht anerkannt. Warum?! Als deutsche Touristen benötigt man in Japan vor der Anmietung eines Mietwagens eine offizielle Übersetzung des heimischen Führerscheins durch die Japan Automobile Federation (JAF). Dort bekommt man die anerkannte japanische Übersetzung des deutschen Führerscheins. Wie man an diese Übersetzung kommt? Wir leben im 21. Jhd., also könnte man meinen, man scannt seinen deutschen Führerschein ein, schickt diesen elektronisch an die JAF bekommt gegen eine Gebühr entweder direkt eine Übersetzung zugesendet oder holt sich diese etwas umständlicher bei Ankunft vor Ort ab. Alles noch viel zu einfach gedacht. Entweder erledigt man es in Japan bei der JAF nach Ankunft im Land, muss dann aber die entsprechende Zeit für die Beantragung und Bearbeitung einplanen oder nutzt den Service des ADAC Südbayerns, der sich diese Dienstleistung aber auch mit 70€ pro Übersetzung vergolden lässt. Dazu kommt, dass der ADAC für die Beantragung deinen Führerschein im Original benötigt. D.h. man müsste vor der Reise für ca. 2 Wochen je nach Postlaufzeiten und Bearbeitungsdauern ohne seinen deutschen Führerschein auskommen. Schwierig. 
Wie haben wir die Problematik am Ende gelöst: Es ist toll und hilfreich eine japanische Freundin zu haben! Meine japanische Freundin ist vor unserer Ankunft mit einem Scan meines Führerscheins (ja, bei direkter Beantragung vor Ort in Japan reicht wiederum ein Scan!!) zur JAF in Fukuoka gegangen und hat für umgerechnet ca. 25€ eine Übersetzung beantragt und ein paar Tage später abgeholt. Dieses Papier musste ich dann bei der Mietwagenausleihe zusammen mit meinem deutschen Führerschein auch vorzeigen. 

Ein kleiner Streifenwagen für den lokalen Einsatz
im klassisch japanischen Kastenautodesign.
Schild in der Autovermietung: keine unfallfreien Tage.
In Fukuoka konnten die Fahrbahnen auch mal 
mehrere Etagen haben. Trotzdem fuhr es sich entspannt.
Soviel zum Vorgeplänkel, bevor wir es überhaupt zum Mietwagenverleih geschafft haben. Auf Kyushu gibt es einige große und ein paar kleinere Ketten von Autovermietern und ich entschied mich wie meist nach einer Mischung aus Preis und Bewertung. Für 8 Tage Mietauto bei Abholung in Kumamoto und Rückgabe in Fukuoka inkl. zwei Kindersitze zahlten wir rund 585€. Für fünf Tage auf der Insel Miyakojima, wo wir ein noch etwas kleineres Auto von einer Privatperson mit Nebenerwerb mieteten, zahlten wir lediglich 156€. Die Übergabe in Kumamoto zog sich in die Länge. Alle Dokumente wurden im Detail geprüft, ich musste mir ein Video mit grundlegenden Verkehrsregeln anschauen und bestätigen und auch wenn wir am Hauptbahnhof in einer Großstadt bei einer Kette das Auto in Empfang nahmen, war das Englisch der Mitarbeitenden teils sehr rudimentär. Dass ich für JEDE Nacht bis zur Rückgabe des Autos unseren Übernachtungsort inkl. Telefonnummer in das Mietformular eintragen musste, beschleunigte den Prozess nicht gerade. Was wäre gewesen, wenn ich nicht schon alle Nächte vorgebucht hätte? Während ich mehr oder minder geduldig die Formulare ausfüllte, bemühte sich mein Mann die Kinder bei Laune zu halten und lachte über eine gut sichtbar aufgehängte Tafel im Wartebereich der Mietwagenstation. Darauf war das aktuelle Datum zu sehen, wie viele Unfälle es in diesem und letztem Monat bereits gegeben hatte und wieviele Tage am Stück unfallfrei geblieben waren. Die Anzahl an unfallfreien Tagen betrug null und auch im Vormonat hatte es insgesamt 35 Unfälle gegeben. Die Statistik sollte sicherlich abschrecken und zur Vorsicht mahnen. Etwas befremdlich erschien sie uns dennoch. Insgesamt erlebten wir die Japaner als total entspannte Autofahrer:innen. Natürlich stresst Großstadtverkehr mehr, als ein Gleiten über Landstraßen, aber überall erlebten wir die Japaner:innan als sehr rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer:innen. Die Höchstgeschwindigkeiten in der Stadt betragen meist eine 40km/h, überland 50-60 km/h und auf den mautpflichtigen Autobahnen Kyushus ist die offizielle Höchstgeschwindigkeit 80km/h. (Auf anderen Autobahnen sei die Höchstgeschwindkeit wohl 100km/h.) Auch wenn ich zu Beginn befürchtete, dass wir mit diesen niedrigen Geschwindigkeiten kaum vorankommen würden, muss ich zugeben, dass dieses entschleunigende Fahren sehr angenehm war - zumindest, da wir Urlaub hatten und ich als Fahrerin so etwas mehr Zeit hatte, die Umgebung in mich aufzusaugen. Möchte man schnell irgendwo hin, sollte man den Shinkansen nehmen.  

Was ins Bild des entspannt fahrenden Japaners und der Respektbezeugung gegenüber Älteren passt ist, dass es in Supermärkten und Drogerien bunte Aufkleber gibt, die entfernt an ein vierblättriges Kleeblatt erinnern. Das sind Aufkleber für Seniorenfahrer:innen. Die kann man sich auf sein Auto kleben, um so die Verkehrsteilnehmer:innen um sich herum darauf hinzuweisen, dass die Person am Steuer möglicherweise langsamer reagiert oder zusätzliche Zeit und Platz benötigt. Sie fördern Rücksichtnahme und Geduld im Straßenverkehr. Ab einem Alter von 75 Jahren sollen die Aufkleber dem Internet nach sogar Pflicht sein. Man stelle sich dies in Deutschland vor. 

Dieser ältere Herr hat es vielleicht ein bisschen über-
trieben mit den Aufklebern für Senor:innen.

Wir hatten zwar einen kleinen Mietwagen genommen, aber leider keines dieser typisch japanischen Kastenautos, die von außen fast wie ein Spielzeug wirken. Gemeint sind die sogenannten Kei-Cars – eine eigene Fahrzeugklasse in Japan, geregelt unter anderem vom Japanese kei car regulations. Diese Kastenautos sind maximal effizient gedacht: klein, schmal, wenig Hubraum – aber innen wohl erstaunlich geräumig. Sie eignen sich sowohl in Städten, in denen Platz notorisch knapp ist, als auch in bergigen Regionen (z.B. um Mt. Aso), wo die Straßen relativ schmal und Kurven eng sind. Vielleicht fahren wir bei unserem nächsten Japan-Besuch solch ein Auto. 

Durch die mobilen Kartendienste eines großen amerikanischen Unternehmens kamen wir problemlos immer dort an, wo wir hin wollten. Dennoch hilfreich auf den wenigen Autobahnkreuzen, auf denen wir waren, fand ich eine Farbcodierung sowohl an der Beschilderung, als auch passend dazu auf die jeweilige Straßenspur aufgemalt. So fällt es nochmal leichter, sich in die passende Spur einzuordnen.  

Farbliche Markierungen auf den Hinweistafeln und
der Fahrbahn helfen bei der Orientierung.

Sehr oft mussten wir nicht tanken. Die paar Mal, die wir es doch taten, befüllten wir das Auto entweder selbst und zahlten an der Zapfsäule oder es wurde für uns getankt. Bei letzterem bekamen wir vom Tankwart zunächst etwas über unseren Seitenspiegel gehängt, so dass dieser seine Funktion verlor und man darauf hingewiesen wurde, dass aktuell der Tankvorgang läuft und man nicht einfach wegfahren soll.  

Ein am Seitenspiegel befestigtes Hinweis-
schild an einer japanischen Tankstelle.
Es signalisiert,
dass der Tankvorgang aktuell im Gange ist, welcher
Kraftstoff eingefüllt werden soll und dass der
Motor auszumachen ist. 

Ein letzter Aspekt, den ich heute aufgreifen möchte ist der, dass wir auf Kyushu viel stärker als in Deutschland Hangbefestigungen am Rand der Straße gesehen haben. Wir fragten uns, ob dies aus Sicherheitsgründen gegen leichte Erdbeben sein könnte, haben diese Vermutung jedoch weder verifizieren noch falsifizieren können. 

Im nächsten Blogbeitrag nehme ich euch dann wieder mit auf die Reise - all die Orte, die wir mit dem Mietauto entdeckt haben. Von Kumamoto fuhren wir zunächst gen Osten nach Yamato. 

Solche Schneißen waren selten, aber kamen vor.
Das Bild zeigt große, netzartige strukturierte 
Betonstützmauer, die den Hang befestigen sollen.
Es handelt sich um eine sogenannte "Grid-Frame"-
Stützkonstruktion zur Hangsicherung. Mäßig hübsch.

Dienstag, 24. März 2026

Automaten für Getränke...

 ... Essen und Kuriositäten, die sogenannten Jidōhanbaiki ("automatisches Verkaufsgerät"), findet man überall im Land. Und wenn ich schreibe "überall", meine ich überall! Man kann für 20 Minuten eine Straße irgendwo in einem ländlichen Gebiet gefahren sein. Dann ist da plötzlich eine kleine Haltebucht am Straßenrand und dort steht ein Getränkeautomat ausgestattet mit kühlen - und oft auch heißen! Getränken. Nach Internetquellen liegt Japans Automatendichte bei etwa einem Automaten auf 23 Einwohner (dabei sind Ticket- und Gashaponautomaten nicht eingerechnet). Dies ist - wenig verwunderlich - die höchste Automatendichte der Welt.

Soweit ich gelesen habe, kann jede und jeder mit Grundbesitz eine kleine Fläche an einen Automatenhersteller  vermieten. Während die Grundbesitzter früher die Maschinen wohl komplett bezahlen mussten, ist es heutzutage wohl nur ein vergleichsweise geringer Initialbetrag. Danach übernimmt die Firma alles, von der Wartung bis zum regelmäßigen Befüllen und der/ die Grundbesitzer:in wird mit einer kleinen Provision beteiligt. Je nach Lage kann sich das mehr oder weniger lohnen. Wir hatten uns jedenfalls schnell an die Getränkeautomaten gewöhnt. Für gewöhnlich packen wir für einen Ausflug Flaschen mit frisch abgefülltem Leitungswasser ein. Damit alle in der Familie über den Tag hinweg genug zu trinken haben, kann da schon eine gewisse Menge zusammenkommen. Meist packe ich dabei immer mit etwas Reserve, da man schließlich nicht durstig sein möchte. In Japan sah ich das nach einer Weile etwas entspannter. Sollten wir mal nicht genug zu trinken dabei haben - der nächste Getränkeautomat wäre sicherlich keine fünf Minuten weit entfernt. Die Preise für die Getränke waren auch super - vergleichbar mit dem Kauf einer Flasche im Supermarkt. 

Ich sprach jetzt vor allem von Getränkeautomaten, da wir vorrangig solche sahen und nur selten welche mit Essen. Hin und wieder mischte sich in das Getränkeangebot eine warme Suppe. Ja, aus demselben Automat kann man entweder eisgekühlte Limo, Eiskaffee oder eine warme Suppe oder heißen Kaffee ziehen. Schon cool! Ebenfalls cool und bei unseren Kindern hoch im Kurs standen Automaten, aus denen man sich Speiseeis ziehen konnte.  

Getränkeautomaten am Straßenrand in Fukuoka. 
600ml Wasser für umgerechnet ca. 60 Cent. Absolut Fair!
Meist befindet sich direkt nebem dem Automaten
ein Mülleimer für die leeren Flaschen oder Dosen.
Selten ist dieser jedoch so hübsch eingekleidet wie hier
am Fuße der Burg von Kumamoto. 
Ein Automat für ein kleines Snack-
omelette für unterwegs. 

Getränkeautomaten dienen in Japan jedoch nicht nur dazu, dass man sich jederzeit bequem etwas Trinkbares kaufen kann. In Notsituationen, wie zum Beispiel nach Erdbeeben, übernehmen sie eine wichtige Versorgungsfunktion. Manche Automaten können per Funk auf freie Ausgabe geschalten werden. Das bedeutet in einer Krisensituation kann man sich, ohne bezahlen zu müssen, mit Flüssigkeit versorgen. Wenn man überlegt, dass in Japan auf 23 Leute ein Automat kommt, ist man zumindest eine Weile sicher, sollte man zum Beispiel festsitzen, weil der öffentliche Nahverkehr ausgefallen ist (wie es nach Erdbeben oft der Fall ist). 

Die freie Ausgabe gilt nicht für alle Maschinen, doch es werden zumindest mehr und mehr Anstrengungen unternommen, sie krisensicherer zu machen. So haben nach Internetangaben neue Modelle sogar einen Hebel, der zur Stromerzeugung genutzt werden kann. 70 Mal kurbeln ist nötig, um sechs bis sieben Flaschen auswerfen zu können. Auch ohne externe Energieversorgung, ist es möglich an Getränke heran zu kommen. 

Abschließend noch ein Wort zu den im ersten Abschnitt erwähnten Gashaponautomaten: Das Prinzip ähnelt klassischen Kaugummiautomaten, ist aber weiterentwickelt und auf Sammler ausgelegt. Man bezahlt für eine Kugel, in der sich irgendeine Figur befindet. Welche Figur man bekommt ist Glückssache. Haben wir nie probiert. 

Donnerstag, 19. März 2026

Rohes Ei und rohes Pferdefleisch...

 ... sind zwei der Dinge, die wir in japanischen Restaurants probiert haben. Nach einem Einblick in  Supermärkte und Bäckerein, will ich euch heute ein paar Aspekte zum Unterwegsessen erzählen, die uns aufgefallen sind. Zu Ramen, Udon und Somen hatte ich bereits einen separaten Eintrag verfasst. In hochpreisigen japanischen Restaurants waren wir mit den Kindern nicht. Ebensowenig in Sushi-Restaurants, da ich die Einzige aus der Familie war, die dieses wert geschätzt hätte. Insofern beziehen sich die folgenden Schilderungen auf Imbisse oder Restaurants im mittleren Preissegment. 

Lasst uns Essen gehen! :)
Einige Restaurants, besondern an touristisch frequentierten Orten wie bspw. in Einkaufszentren, stellen im Schaufenster häufig die angebotenen Speisen optisch durch Nachbildungen aus Plastik aus. So bekommen Interessierte einen ersten Eindruck der angebotenen Speisen und Getränke und sollen sich in das Restaurant gezogen fühlen. Einerseits fand ich die Idee dahinter touristenfreundlich, andererseits sprachen mich die künstlichen Essensnachbildungen nie an. Wir besuchten auch kein entpsrechendes Restaurant. 

Läuft einem da das Wasser im Munde zusammen?
Selbst Getränkenachbildungen gab es.

Was es bei traditionelleren Restaurants ebenso wie anderen Geschäften oder Onsen vor dem Eingang gibt sind von oben herabhängende Stoffvorhänge am Eingang. Diese heißen Noren. Noren haben verschiedene Funktionen. Zum Einen ist es ein Hinweis darauf, dass das Geschäft geöffnet ist und Kunden empfängt. Bei Schließung werden sie entsprechend traditionell abgenommen. Darüber hinaus dienen Noren als Werbung, indem sie den Namen und/ oder das Logo des Geschäfts zeigen und abschließend sollen sie vor Sonne, Wind, Staub und neugierigen Blicken schützen. Auch wenn es Noren wie oben erwähnt vor unterschiedlichen Arten von Geschäften geben soll, sind sie mir, neben der Markierung des Eingangs für Frauen oder Männer in Onsen, vor allem am Eingang von Restaurants aufgefallen, weshalb ich sie in der Restaurant-Kategorie mit aufgeführt habe. 

Noren vor einem rustikalen Restaurant. Nur durch die
Noren wurde ich auf den Laden aufmerksam.
Ein Verkaufsstand für Umegae Mochi, die leckeren
gegrillten Reisküchlein mit einer Füllung aus
 süßer roter Bohnenpaste
 in Dazaifu

Eingang zu einem Restaurant in Fukuoka, das auf 
Yakitori (gegrillte Hähnchenspieße) spezialisiert ist.

Ein weiteres optisches Hinweiselement auf ein geöffnetes Geschäft oft verbunden mit einladendem Werbeschriftzeichen sind die traditionellen Laternen in weiß oder rot. Sie werden Chochin genannt. Diese Laternen dienen als einladendes Zeichen und signalisieren den Gästen, dass sie willkommen sind und dass das Lokal geöffnet ist. Sie sind i.d.R. dauerhaft vor den Eingängen angebracht und werden typischerweise während der Betriebszeiten des jeweiligen Geschäfts beleuchtet, um auf das geöffnete Lokal hinzuweisen.
Diverse Chochin Laternen grüßen am 
Eingang zum Ramen Stadium in Canal
City in Fukuoka. 

Kommen wir nun zu einigen Dingen, die wir mit meinen japanischen Freunden gegessen haben. Wie der einleitende Satz des Beitrages es nahe legt gehörten dazu rohes Ei und rohes Pferdefleisch. Letzteres probierten wir im TenkaDori Nikushin, einem gemütlichen Izakaya in Fukuoka. Izakayas sind traditionelle japanische Kneipen, die für uns Europäer manchmal als "japanische Tapas-Bars" umschrieben werden, da sie ein beliebter Treffpunkt nach der Arbeit sind und verschiedene kleine Speisen wie gegrillte Hühnchenspieße (Yakitori) anbieten. Getrunken wird dazu bspw. Bier, Sake oder Highballs. Der klassische japanische Highball besteht nach meiner Recherche aus einem Teil Whisky, zwei Teilen Sodawasser und großen Eiswürfeln. Meine Freundin bestellte einen Mizuwari - einen Wasser-Whisky, d.h. ein Whisky wird mit stillem Wasser und Eis gestreckt wird, um ein großes Getränk zu haben, welches (auch) den Durst löscht. Mein Mann fand das etwas befremdlich und entschied sich für ein anderes Getränk.

Ich beschränkte mich bei den Getränken wie immer auf die Non-Alkoholika. Bei der Speisenauswahl probierte ich mich jedoch munter durch und vertraute großteils auf die Vorschläge unserer japanischen Freunde. Bei einer Sache fragten sie jedoch vor dem Bestellen nach, ob wir dies probieren wollten: rohes Pferdefleisch. Pferdefleisch bekommt man auch in Deutschland und wenn es frisch ist, sehe ich keinen Grund es nicht roh zu verspeisen. Also stimmte ich der Bestellung ohne Bedenken zu. Auf die erwartungsvollen Blicke und die Frage, wie ich es fände, antwortete ich kurz und bündig "kalt". Tatsächlich war das Fleisch primär kalt und hob mich weder positiv noch negativ an. Unsere japanischen Freunde bestätigten nach einem irritierten Blick auf meine Antwort und einem Probierstück meine Einschätzung und meinten, dass es normalerweise nicht so kalt sein sollte. Da schien wohl in der Küche etwas schief gelaufen zu sein. 

Rohes Pferdefleisch mit rohem Gemüse.
Man kann zuschauen, wie die Yakitori (gegrillte 
Hähnchenspieße) im 
Izakayazubereitet werden.
Ein klassisches, schnelles und beliebtes, da nahrhaftes und leckeres aber gleichzeitig günstiges Gericht probierte ich an unserem letzten Tag in Fukuoka kurz vor dem Rückflug, da unsere Freunde meinten, dass das auch etwas sehr typisches sei: Gyudon mit einen rohen Eigelb, welches vor dem Essen unter den heißen Reis gemischt wird. In Deutschland schlürfe ich zwar keine rohen Eier, aber in Steak Tatar bspw. nutzen wir ebenfalls rohes Ei und essen dies (zusammen mit rohem Rindfleisch), so dass mir das weit weniger ungewohnt vorkam, als unsere japanischen Freunde erwartet hatten. Was ich im Sinne von Lebensmittelverschwendung schade fand: Beim Bestellen bekam man das rohe Ei in der Schale mitgegeben und muss dieses dann selbst aufschlagen und aufs Essen machen. Das nicht genutzte Eiweiß ging einfach (als Abfall) zurück in die Küche.  

Ein anderes, traditionelles und für uns sehr spannendes Restauranterlebnis hatten wir im Südosten des Vulkan Mt. Aso. Das Lokal Torisumibiyaki Rakudayama in Takamori ist spezialisiert auf über Holzkohle gegrilltem Hühnerfleisch. Gesessen und gegessen wird dabei an einem Irori, einer in den Boden eingelassenen Feuerstelle. Beim Betreten des Restaurants zieht man sich im Genkan die Schuhe aus und tritt dann eine kleine Stufe hinauf in den Gastraum. Dies war ein großer offener Raum mit Holzfußboden. In gleichmäßigen Abständen gab es im Boden kleine Feuerstellen und um diese Feuerstellen ringsum war ein leicht erhöhter Holz"tisch". Wir kamen am zeitigen Nachmittag an und so war kaum etwas los im Restaurant. Die nette Bedienung geleitete uns zu einer Feuerstelle und brachte dann aus der Mitte des Raumes, wo glühende Kohle in einer Sandmulde lagerte, einige glühende Kohlestücken und ein Metallgitter für unseren Platz. Wir bestellten zwei Grillplatten, bestehend aus rohem Huhn, rohem Gemüse, Reis, Miso-Suppe und eingelegtem Gemüse sowie zwei Eiern. Unsere Speisen bereiteten wir selbst direkt am "Tisch" auf dem Grillrost zu. Die Eier unterzogen wir dem Drehtest und stellten fest, dass diese roh waren. Sollten wir diese auf den Grill legen und so kochen? Natürlich nicht! Für die Eier suchte man sich die größten Weißkohlblätter vom Gemüseteller raus, legte diese auf das Grillrost und schlug dann das Ei darüber auf, damit es zu einer Art Spiegelei stocken konnte. Alles schmeckte gut und insgesamt war es ein tolles Erlebnis!

Blick in den Gastraum.

Blick auf unseren Grill/ Tisch.

In dem eben beschriebenen Hühnchenrestaurant kann man super essen, entspannen und quatschen, wenn man in einer kleinen Gruppe um das Feuer sitzt. Im hektischen Großstadtalltag herrscht ein anderes Flair in vielen Imbissen vor. Unterwegs zu essen ist normal in Japan - auch wenn man allein ist und Einsamkeit ist in der modernen japanischen (Großstadt-)Gesellschaft nicht selten. Damit man sich beim Essen nicht einen großen Tisch mit Fremden teilen und vielleicht sogar noch ein Gespräch anfangen muss, gibt es in vielen Restaurants Einzelplätze - gern in Richtung Wand blickend und manchmal sogar mit Trennwänden zwischen den einzelnen Plätzen. So sahen wir dann einige Japaner ihr Essen hinunterschlingen, während sie parallel auf dem Handy scrollten. Aus unserer Perspektive sah es irgendwie traurig. aus. 

Bitte lass mich beim Essen in Ruhe!

In Deutschland muss man für Getränke im Restaurant bezahlen - auch für stilles Wasser. In einigen anderen Ländern ist es üblich Wasser einfach so zum Essen dazu zu bekommen. So auch in Japan. Stilles Wasser konnte man immer erfragen, wenn es nicht ohnehin direkt zum Tisch gebracht worde - oder man holte es sich selbst an einem Automaten. Neben kaltem Wasser gab es manchmal noch heißes Wasser oder grünen Tee zur Auswahl. 

Wenngleich mich kostenfreies Wasser nicht verwunderte und auch der kostenfreie grüne Tee im Rahmen meiner Vorstellungskraft lag, war ich über eine weitere kostenfreie Ausgabe dann doch erstaunt und vom System etwas fasziniert: In einem Imbiss, in dem wir waren, beobachtete ich, wie andere Gäste mit ihren leeren Reisschüsseln zu einer Reis-Nachfüllstation gingen und mit vollen Schüsseln zu ihrem Platz zurückkehrten. Es war eine relativ große Maschine unter die man seine Reisschüssel stellte, dann die Portionsgröße auswählte, die man gern noch essen würde und schon fiel gekochter Reis im gewünschten Umfang von oben in die Schüssel. Faszinierend. 

Hier konnte man sich kostenfrei kaltes
oder heißes Wasser sowie grünen Tee holen.
Kostenfreies Reis nachfüllen.