Freitag, 30. August 2024

Ulriken...

 ... heißt der höchste der sieben Berge von Bergen und ragt 643 Meter aus dem Meer. Der Name stammt laut einem wohlbekannten Onlinenachschlagewerk vom altnorwegischen Alrek und bedeutet "der Raum Einnehmende." Es gibt verschiede Routen, wie man auf den Gipfel kommt. Die verbreitetsten sind eine bequeme rund fünfminütige Fahrt mit einer Gondel der Ulriksbanen für umgerechnet 24€ in eine Richtung oder der Aufstieg ab der Jugendherberge Montana über die Sherpa-Treppen. Ich hielt mich grob an die zweite Option. Statt mit dem Bus bis zur Jugendherberge zu fahren, stiefelte ich jedoch eine Stunde meine ersten 4km durch die Stadt und hatte an der Talstation der Ulrisbanen bereits meine ersten knapp 100 Höhenmetern geschafft.

Auf geht's! Das Ziel sah ich bereits
von der Innenstadt.

Als ich die Årstad kirke passierte, hatte ich den
Großteil der Strecke durch die Stadt bereits hinter
mir gelassen.
Am Fuße des Ulriken befindet sich ein großes
Krankenhaus und direkt daneben ein Friedhof,
der eine entspannte Ruhe ausstrahlte.
An der Talstation der Ulriksbanen.
Hier begannen die offiziellen Wanderwege.

Kurz hinter der Talstation führten einige Treppen vorbei an einem erfrischenden Wasserfall und weiter hinauf. Treppen und Wege wechselten sich zunächst noch ab. Bis zur Jugendherberge erklomm ich so weitere rund 70 Höhenmeter. Nachdem ich also bereits rund 250 Stufen und diverse schräge Anstiege in den Beinen hatte, wies mich ein Schild darauf hin, dass nun der Sherpa-Aufstieg zum Ulriken beginnen würde - 1.333 Stufen. Steil und platzsparend. Die Natursteintreppe wurde wirklich von tibetanischen Sherpas angelegt und 2019 fertig gestellt, um einen schnellen und sicheren Aufstieg zum Ulriken zu ermöglichen.

Dieser schöne Wasserfall plätscherte
unweit der Talstation der Ulriksbanen.
Schönheit liegt auch im Detail.
Kleine Stärkungen wuchsen direkt am Wegesrand.
Bio, lokal und super lecker. Genuss mit Ausblick.
Hier fühlte ich mich schon fast wie die Königin
der Welt. Doch bis zum Gipfel lagen noch einige
Treppenstufen vor mir.
Zwar war es eine schweißtreibende Angelegenheit die Stufen hinauf zu gehen, aber tatsächlich auch relativ komfortabel mit dieser gut angelegten, breiten Treppe. An den meisten Stellen konnte problemlos gleichzeitig jemand hoch und jemand anderes runter gehen - oder natürlich ein sportlicher Norweger von hinten einen mäßig schnellen Touristen überholen. Einige NorwegerInnen nutzen den Auf- und Abstieg über die Sherpatreppen als leichtes Workout nach einem Arbeitstag im Büro.
Bergenpanorama vom Berg.
Geschafft. Pünktlich mit einem leichten Schauer
erreichte ich das Ende der Treppen.

Ich hatte keinen festen Plan, was ich machen wollte, nachdem ich es zum Gipfel geschafft hatte. Den gleichen Weg zurück? Mit der Gondel ins Tal fahren? Zuvor einfach eine Weile den Ausblick genießen? Noch eine andere Route wandern? Ich entschied mich für letzteres, noch immer ohne festen Plan, aber schon mit der Idee im Hinterkopf einen anderen Weg zurück ins Tal auszuprobieren, den ich auf einer Wanderkarte nahe den Toiletten der Bergstation gesehen hatte.

Einmal oben auf dem Ulriken und ein paar Meter weg von der Bergstation der Seilbahn war ich plötzlich fast allein und hatte das Gefühl wirklich in den Bergen zu sein. Dabei war die Großstadt nur wenige Kilometer entfernt. Die Vegetation ist karg. Schafe grasen zwischen den Felsen und ihre Glocken klingeln, wenn sie sich bewegen. Kleine Pfützen, Teiche oder auch Seen liegen wie über die Berge gestreute Streusel in der Landschaft. Ähnlich willkürlich waren hin und wieder einzelne Hütten vertreut zu sehen. Ich liebe die norwegische Landschaft!

Ökologische Landschaftspflege.
Eine Pause darf auch mal sein.
Einfach schön.
Es gibt so viel Wasser in Norwegen.
Hier eine Hütte, da eine Hütte.
Noch eine Pause. Ich kann mich an dem
Panorama einfach nicht satt sehen.
Nun musste ich mich entscheiden: Wo wollte
ich den Abend noch lang gehen?
Sofern man mit der Gondel fährt, kann man dieses
Panorma 20 Minuten nach Verlassen des Groß-
stadttroubels genießen. Innere Ruhe vom Feinsten.

Zunächst gab es noch ein paar wenige andere Wanderer, die eine kleine Runde über den Berg drehten und sich dann wieder an den Abstieg über die Treppen oder Gondel machten. Nach einer viertel Stunde war hinter mir jedoch nur noch eine Mutter mit ihren beiden Kindern im Alter von geschätzt 8-12 Jahren. Ich war nicht ganz sicher, ob ich auf dem von mir angedachten Weg war, denn die auf der Karte (die ich lediglich in abfotografierter Form bei mir hatte) eingezeichneten Wege waren als solche wie in den norwegischen Bergen üblich nur noch vage als solche zu erkennen. Das deutlichste Zeichen, dass man sich auf einem offiziellen Wanderweg befand stellten die in unregelmäßigen Abständen aufgeschichteten Steinpyramiden dar. Ich fragte also die Frau, ob sie eine Einheimische aus Bergen sei, was sie bejahte. Ich erzählte ihr meinen Plan, dass ich über Trolldalen und Isdalen hinab zum Svartediket See gehen wollte und fragte, ob sie dies auch vorhätten. Sie verneinte letzteres und meinte, dass sie mit den Kindern über die Bergkette Vidden zum noch rund 12km entfernten Fløyen gehen wollte. Es war kurz vor 18 Uhr! Ich meinte, dass das noch ziemlich weit sei. Die Mutter bejahte und meinte, dass sie sich beeilen müssen.

Von meinem Plan riet sie mir ab. Der Weg sei zu steil. Ich bedankte mich und ließ die Familie weiterziehen. Dann überlegte ich, was ich tun solle. Zu steil? Es wäre aber wohl kaum als Wanderweg auf einer Karte eingezeichnet, wenn es nicht machbar wäre. Sicherheitshalber doch umkehren und die Treppen wieder hinab? Ich entschied mich für den steilen Weg. 

Die Kennzeichnung des Wanderwegs über den
Bergrücken erfolgt anhand der Steinpyramiden.

Der See war in der Ferne zu erkennen und
Steinpyramiden deuteten darauf hin, dass dies
der eingezeichnete Weg sein musste.

Der erste Abschnitt Trolldalen war beeindruckend schön. Oberhalb der Baumgrenze schweifte mein Blick geradeaus in die Ferne. Links und rechts stiegen Felswände empor. Der Weg, welcher selten sichtbar war, führte entlang des gen Tal strömenden Wassers. Ohne vorher zu wissen, ob ich richtig liege, wäre ich denselben Weg wohl kaum nach oben gelaufen. Beim Abstieg dachte ich mir, dass die Richtung stimmt und ich irgendwann am See Svartediket ankommen müsse. Gelegentlich sah man dem Boden an, dass in der Vergangenheit immer wieder Menschenfüße genau diesen Pfad gegangen sein mussten, denn hin und wieder konnte man einen Pfad erahnen. Etwas mehr Sicherheit gaben mir die von Zeit zu Zeit aufgetürmten Steinpyramiden. Der rationale Verstand sagte mir, dass dies ein Weg zurück ins Tal sei. Es schlichen sich jedoch auch Gedanken ein, die mich darauf hinwiesen, dass um diese Uhrzeit niemand anderes mehr diesen Weg laufen würde und ich nur mal unglücklich auf einen losen Stein aufkommen müsse, um ein abruptes Ende meiner Wanderung zu erleben. Es ist definitiv besser zu zweit zu wandern. Ich sandte zur Sicherheit meine Koordinaten und weitere geplante Route an meinen Mann und bat ihn sich bei den Behörden zu melden, sofern ich mich bis 23 Uhr nicht aus dem Hotel gemeldet hätte. Sicher ist sicher. 

Irgendwann erreichte ich die Baumgrenze und von dort an konnte ich zwar nicht mehr so schön in die Ferne blicken, aber dennoch erkannte ich einfacher, was der Weg sein sollte. Nach einiger Zeit traf ich sogar auf ein paar Holzstege, die nun unverkennbar als Weg über den morastigen Untergrund führten. Als ich die Holzstege erreichte, dachte ich mir, dass ich es nun geschafft habe und entspannte, lief leichtfüßig weiter - und stürzte. Das Holz war alt, nass und glitschig und ich war unachtsam geworden. Nach diesem Weckruf lief ich wieder etwas vorsichtiger, bis ich durch das Unterholz auf 125 Metern Höhe auf einen befestigten, befahrbaren Weg traf. Von dort waren es noch etwa dreieinhalb Kilometer auf fast gleichbleibender Höhe um den Svartediket See herum zurück bis zu asphaltierten Straßen und Häusern, also bis zur Zivilisation. Auf dem Weg um den See traf ich dann auf diverse Jogger, Radfahrer und Hunde-Gassi-Geher, die eine abendliche Runde liefen oder radelten. Ich konnte also Entwarnung geben, dass ich wieder unter Leuten war.

Holzstege halfen, dass ich nicht direkt
im Morast versank. Sie waren dennoch
glitschig und defintiv nicht TÜV geprüft. ;)

Immer schön hydriert bleiben!
Der Trinkwasserstausee Svartediket.
Unweit vom Ende des Wanderwegs gab es eine Bushaltestelle. Statt weitere drei Kilometer bis zurück zum Hotel zu laufen, gönnte ich mir für den (vor)letzten Abschnitt der Reise eine Busfahrt bis in die Nähe des Stadtparks. Auf dem Torgallmenningen, einem zentralen Platz in Bergen, flanierten Touristen wie Einheimische, ein Straßenkünstler spielte Musik und die ganze Atmosphäre lud zum Verweilen ein. Also lauschte ich noch eine Weile dem Straßenkünstler und beobachtete das Treiben um mich herum, bevor ich den letzten halben Kilometer zum Hotel lief und mir dort den Luxus des Aufzugs gönnte, um zu meinem Zimmer in der 6. Etage zu kommen ohne noch mehr Treppenstufen zu laufen. Es tat gut, die Wanderschuhe auszuziehen und die Beinmuskulatur etwas zu dehnen. Aus der Kalten heraus 15 km mit 650 Höhenmetern hoch und wieder runter zu laufen habe ich zu Beginn meines Auslandssemesters in Norwegen 2012 zwar auch gemacht, aber einerseits war ich da noch jünger und vor allem auch trainierter. Natürlich war es eine tolle Tour und ich zehre noch immer von den Erinnerungen. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mal fitter war. Meine Wanderschuhe haben ihren ersten Stresstest nach der Neubesohlung jedenfalls erfolgreich überstanden und warten nun auf weitere Einsätze.

Mittwoch, 28. August 2024

Details am Rande...

 ... bringen manchmal Freude, manchmal Unruhe in Reisen. Nicht immer reichen solche Details für eine eigene Geschichte aus, aber manchmal eben doch - wie bspw. die Trolle oder Street Art. Heute möchte ich noch ein paar andere Details in einem Artikel zusammenfassen.

Im letzten Beitrag berichtete ich von der kleinen Wanderrunde den Fløyen hinauf und wieder hinunter. Auf dem Rückweg durch die Stadt fiel mir beim Gehen über ebenen Asphalt auf, dass es sich irgendwie seltsam lief. Ein Blick auf meine Wanderschuhe ließ mich erstarren. Die Sohlen hatten sich quasi auf- und abgelöst! Wie ich mittlerweile weiß, wird für die Zwischensohle zum Dämpfen der Schritte häufig Polyurethan verwendet. Über die Jahre und in Verbindung mit etwas Feuchtigkeit und seltener Nutzung (aka 'Standschaden') setzt Hydrolyse ein und nach und nach wird die Zwischensohle porös und löst sich auf. Halleluja! Zwar bietet der Hersteller meiner Schuhe an, diese neu zu besohlen, aber die Wanderschuhe postalisch an ein deutsches Unternehmen zu senden würde mir nicht für die restliche Woche in Norwegen helfen. Ich hatte doch noch so viel vor - eine Besteigung des Bergs Ulriken und zwei Tage Urlaub in Voss. Mit meinen schwarzen Kunstleder Boots mit leichtem Absatz und glatter Sohle die ich für den dienstlichen Teil der Reise mitgenommen hatte, würde ich sicherlich keine umfangreichen Outdoor-Touren machen können oder wollen. Ich wog also meine Optionen ab. Die Businessschuhoption fiel genauso direkt raus wie die Überlegung alle Outdoorpläne zu canceln. Stümperhafte Selbstreparatur mittels irgendwo gekauftem Schuhkleber zog ich in Erwägung, befürchtete damit jedoch die Sohle weiter zu schädigen, so dass eine professionelle Neubesohlung nicht mehr so einfach möglich wäre. Ein Neukauf von Wanderschuhen in Bergen versprach qualitative Hilfe - und vermutlich horrende Kosten. Ich beschloss also die weltweit führende Suchmaschine und in Bergen wohnende Konferenzteilnehmer nach Schustern in der Stadt zu fragen. Zwei Schuster waren weniger als zehn Minuten zu Fuß vom Konferenzhotel in der Innenstadt Bergens ansässig. In der Mittagspause am Montag nahm ich also meine Wanderschuhe und betrat den ersten Schusterladen. Es kam eine freundliche Frau aus der Werkstatt in den Verkaufsraum, die direkt das Problem erkannte, mir die Ursache erklärte und meinte, dass sie da nichts machen könne. Leim würde auch nicht mal temporär helfen, so weit, wie die Hydrolyse bei mir schon fortgeschritten war. Entmutigt überlegte ich, ob ich überhaupt noch zu dem anderen Schuster gehen sollte, entschied mich dann aber dafür. Was hatte ich zu verlieren? Nach meinem 'God dag' wechselte ich wieder ins Englische, was die allermeisten Norweger sehr gut beherrschen. Nicht dieser Schuster. Er redete in einem Schwall auf Norwegisch auf mich ein. Er sah meine Schuhe und schien zu erzählen, was das Problem sei. Nicken und Gesten, die in Richtung Werkstatt zeigten, deuteten darauf hin, dass er mit meinen Schuhen arbeiten wollte. Aber was genau wollte er machen? Zu diesem Zeitpunkt kam ein anderer Kunde in den Laden, betrachtete kurz den amüsanten Austausch zwischen dem Schuster und mir und dolmetschte dann. Der Schuster könne bis zum Folgetag zur Mittagszeit meine beiden Schuhe mit einer neuen Wandersohle ausstatten. Der Preis war vergleichbar mit dem vom Schuhhersteller. Ok. Ich schlug ein. Das klang gut. Im dümmsten Fall würde ich etwas Geld in den Sand setzen, falls die Neubesohlung nicht so funktionierte, wie geplant. Im günstigsten Fall hätte ich am Folgetag ohne großen Aufwand oder zeitlichen Verzug perfekt neubesohlte Wanderschuhe. Ich freue mich berichten zu können, dass letzteres der Fall war! Den ersten Stresstest bestanden sie bei meiner 15km Wanderung den Ulriken hoch und Trolldalen wieder runter (nächster Blogeintrag) und auch während meiner zwei angefügten Urlaubstag in Voss leisteten meine nunmehr reichlich elf Jahre alten Wanderschuhe mir treue Dienste.

Meine Wanderschuhe in einem bedauernswerten
Zustand oben links, neu besohlt unten rechts und
zu Beginn (oben rechts) und am Ende (unten links)
ihres ersten Einsatzes nach der Generalüberholung.
Welch andere Details am Rande sind hier noch erwähnungswürdig? Da wäre das Essen. Nostalgische Gefühle 'von damals' (also 2012) kamen in mir auf, als ich auf dem Frühstücksbuffets des Hotels Brunost, den typisch norwegischen Braunkäse, und die allgegenwärtigen Waffeln fand. Ein wiedererkennendes Lachen huschte auch über mein Gesicht, als ich selbst im Supermarkt Lebensmittel kaufen wollte und mir die eingeschweißte, norwegische Gurke für umgerechnet über 2€ das Stück entgegenlächelte.
Etwa 6 Kronen teurer als damals, aber dank eines
besseren Umrechnungskurses (ca. 1:12) etwa
genauso teuer wie 2012.
Erinnerungen kamen auch in mir hoch, als ich über den Fischmarkt am Hafen von Bergen schlenderte und mir allerlei Meeresgetier, inkl. Wal, angeboten wurde. Ich kaufte dort jedoch nichts, da ich einerseits keine Zubereitungsmöglichkeiten hatte und wir zudem drei Tage lang während der Dienstreise mit vorzuglich schmeckendem Fisch zum Mittagessen sowie für Aug und Gaumen ansprechenden Snacks zwischen den Sitzungen versorgt worden.
Kleine Auswahl auf dem Fischmarkt von Bergen.
Die Perspektive macht's! Dies ist exakt die selbe
Speisenauswahl - jeweils vom entgegengesetzten
Ende des Buffets aus betrachtet.
Verschieden geartete Appetithäppchen.

Erwähnenswert fand ich auch die Toiletten während der Konferenz. Ja, die Water Closets. Meist fand ich in Norwegen diese im öffentlichen Raum klassisch getrennt für Männlein und Weiblein. Die zentralen Toiletten im Konferenzhotel waren jedoch nicht getrennt nach Geschlecht. Warum eigentlich auch? Vom Waschraum gingen wie üblich separate Kabinen ab, so dass jeder beim kleinen oder großen Geschäft seine Privatsphäre hatte. Der Waschraum wurde gemeinsam von allen Geschlechtern genutzt. Simpel und doch ungewohnt. Nur Pissoire gab es dann eben nicht.

Ein Toilettenraum für alle Geschlechter.

Mein letztes Detail am Rande möchte ich den absolut sinnvollen Fahrradgaragen widmen, die ich an vielen öffentlichen Orten wie Universitätscampus oder Bahnhof gesehen habe. Die Norweger lieben es draußen zu sein und draußen aktiv zu sein. Fahrradfahren gehört also zum Grundlagenrepetoire. In Norwegen ist es viele Monate im Jahr jedoch auch frostig kalt und verschneit. Aus Trondheim kenne ich noch die Räder mit Spikes, um auch bei vereisten Straßen Fahrrad fahren zu können. Diesmal fielen mir die Fahrradgaragen an essentiellen Punkten im Stadtbild auf. Es macht einfach mehr Spaß nach einer Vorlesung oder bei Ankunft mit dem Zug auf ein trockenes, sauberes Fahrrad zu steigen als auf eins, welches tagein, tagaus den Elementen ausgesetzt ist. 

Fahrradgaragen auf dem Univesitätscampus
in Bergen.
Kostenfreie und trockene Abstellmöglichkeit für
Zweiräder am Bahnhof von Voss.

Dienstag, 27. August 2024

Der Fløyen...

 ... ist mit 399 Metern über dem Meeresspiegel der drittniedrigste und gleichzeitig der bei Besuchern beliebteste von Bergens sieben Bergen, was sicherlich mehrere Gründe hat. Zum einen liegt der Fløyen wirklich in der Stadtmitte. Der Aufstieg an der Fløibanen beginnt gerade einmal 200 Meter entfernt vom Hafen des alten Hanseviertels Brygge und stellt somit auch für (Kreuzfahrt-)Touristen mit knappem Zeitbudget eine gute Wanderoption dar. Zum zweiten bietet die Standseilbahn Fløibanen seit über 100 Jahren auf rund 850 Metern Länge bei einer Steigung von 15-26° eine entspannte Option für einen Gipfelsturm in unter 10 Minuten für all die Besucher, welche keine Lust auf den durchaus auch schweißtreibenden Aufstieg haben und das sind jährlich über eine Million Gäste. Zum dritten ist dieser Gipfel (wahrscheinlich auf Grund der zwei vorgenannten Argumente) der am besten touristisch erschlossene. Es gibt oben auf dem Plateau eine schicke, super ausgebaute Besucherterasse, sanitäre Einrichtungen, einen kleinen Laden, Essen und Trinken, einen tollen Spielplatz und noch viele weitere Wege, die je nach Fitnesslevel erkundet werden können und wegführen von den Besuchern, die nur schnell hoch und wieder runter eilen.

Talstation der 1918 eröffneten Fløibanen.
Abwechselnd bringen ein blauer und ein
roter Waggon Besucher auf den Fløyen
und wieder hinunter.

Die Besteigung (oder Erfahrung) des Fløyens gehört also zum Pflichtprogramm bei jedem Bergenbesuch. Insofern war es auch direkt im Konferenzprogramm als (optionaler) Gruppenausflug am ersten Abend eingeplant. Die Organisatoren wurden dennoch etwas überrollt vom Teilnehmerinteresse an der Wanderung. Ohne wirklich durchgezählt zu haben kann ich anhand einiger Fotos sagen, dass wir definitiv eine dreistellige Teilnehmerzahl hatten. Wenngleich ich sonst beim Wandern die Ruhe schätze, erlebte ich den Ausflug zum Fløyen dennoch als gelungen. Die knapp 10km große Runde mit knapp 400 Höhenmetern war zum einen für mich ein guter Wieder-Einstieg ins ambitionierte spazieren nach einer längeren Pause und zum anderen kam man sehr gut mit verschiedenen anderen Teilnehmern ins Gespräch. Die Wanderung im Freien entzerrte die Gespräche und hielt den Geräuchepegel trotz der Masse an Menschen gering. Zwei Tage später beim Empfang der Bürgermeisterin in einem großen Saal war es so laut, dass das Networken keinen Spaß machte.

Rauf, rauf, rauf; immer schön die
Treppe rauf.

Blick über die Bucht während des Aufstiegs.
Und es geht noch weiter nach oben.

Angekommen auf der Besucherterasse. Im Hinter-
grund ist das Stadtzentrum von Bergen zu sehen.

Ich konnte mich nicht mehr an den Aufstieg im Detail von meinem letzten Besuch 2012 erinnern, aber ein paar ikonische Landmarken erkannte ich wieder - bspw. den Troll oben auf dem Gipfel. Seinen Wanderstock hatte er eingebüßt und die Hautfarbe hatte sich durch Wind und Wetter über die Jahre etwas geändert, aber er nahm mich genauso liebevoll in den Arm wie vor 12 Jahren. :)

Mit meinem Freund dem Troll.

Nach dem Aufstieg zum Fløyen wurde unsere Wandergruppe dann deutlich kleiner. Die überwiegende Mehrheit lief entweder auf direktem Weg zurück oder nahm die Fløibanen zurück ins Tal. Wer Lust auf "some more hiking" hatte, konnte aber auch mit einem der Organisatoren noch in Richtung des Sees Skomakerdiket und von dort über deutlich weniger begangene Wanderwege zurück in die Stadt laufen. Unnötig zu sagen, für welche Option ich mich entschied.

Aufmerksamkeiten am Wegesrand.

Keine 10 Minuten von der überfüllten Besucher-
terasse entfernt am See Skomakerdiket begann der
ruhige Teil der Wanderung.

Diese Wege gefallen mir deutlich besser als gerade
Schotterwege.

Es ist und bleibt feucht in Norwegen.
Redhead inspiziert den Wasserlauf.
Diesen Wasserlauf.
Dem Sonnenuntergang entgegen gingen
wir zurück ins Stadtzentrum.
So ging ein aktiv entspannter Abend zu Ende.

Falls die geneigten Leser sich mit dem gemächlichen Auf- und Abstieg des Fløyens nicht begnügen wollen und am 25. Mai nächstes Jahr noch nicht vorhaben, weise ich auf ein jährliches Event in Bergen hin: die7-fjellsturen, oder auf deutsch: die 7-Bergewanderung. Zur ersten 7-Bergewanderung 1948 nahmen gut 200 Personen teil. Mittlerweile starten jedes Jahr am letzten Sonntag im Mai tausende Wandersfreunde in Bergen, um 3, 4 oder - für die Anspruchsvollen - 7 Berge an einem Tag zu erwandern. Am Ende des Tages bedeutet das die Bewältigung von knapp 37km und um die 2.500 Höhenmetern. Ein klassisch norwegisches Volksfest! Die 4-Bergewanderung mit gut 21km und rund 1.500 Höhenmetern wird als Familientour angepriesen, die 3-Bergewanderung mit gut 9km und 500 Höhenmetern sei "für Kinder geeignet, die das Gehen nicht gewohnt sind." Ich muss Schmunzeln, wenn ich an meine Kinder denke und überlege, in welches Raster wir wohl fallen würden... 

Montag, 26. August 2024

Street Art...

 ... also von den KünstlerInnen meist selbst autorisierte Kunst im öffentlich städischen Raum, entdecke ich oft unerwartet mal großformatig an einer Hausfassade, mal nur ein paar Centimeter groß halb versteckt hinter einer Hecke. In Bergen und auch in Voss entdeckte ich einiges an Street Art. Die Motive und Zeichenstile variierten ebenso wie die Dominanz des Kunstwerks. Die meisten Arbeiten resonierten in mir. Gerade die Unerwartetheit der Straßenkunst macht für mich einen Reiz dieses Kunststils aus. Zudem sind die Motive mal banal, mal witzig, meist handwerklich gut umgesetzt und mal politisch tiefgründig. Street Art regt mich zum Nachdenken oder Schmunzeln im Alltag an. Ich möchte die Kunst der Straße hier in den Blog holen und wünsche viel Spaß beim Betrachten.

Es lohnt sich den Kopf der Ballerina etwas
genauer zu betrachten.
Natürlich darf auch ein Troll nicht fehlen.
Alle weiteren Motive fand ich in Voss.