... durch einen Schrein wandeln durften wir in Dazaifu auf Kyūshū. Dazaifu ist eine Stadt mit gut siebzigtausend Einwohnern und entspannt mit den Nahverkehrszug von Fukuoka aus zu erreichen. Im Grunde habe ich bei unserer Zugfahrt keinen Übergang von Fukuoka nach Dazaifu erkennen können. Die Städte gehen gefühlt ineinander über, wobei offiziell noch eine weitere Stadt, Onojo, dazwischen liegt.
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| Stilvoll eingekleidet in Dazaifu. |
Dazaifu ist vor allem bekannt für seinen shintoistischen Tenman-gū Schrein. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich auch noch ein buddhistischer Zen-Tempel. Wie immer in Japan existieren beide friedlich nebeneinander. Die Geschichte beider religiöser Stätten reicht jeweils über eintausend Jahre in die Vergangenheit. Zwischen dem achten und bis ins vierzehnte Jahrhundert war Dazaifu ein kulturelles und militärisches Zentrum in Japan. Das und viele andere Dinge erfährt man im Nationalmuseum Kyūshū, welches in Dazaifu beheimatet ist aber in welchem wir nicht drin waren. Wir verbrachten nur einen halben Tag in der Stadt, dessen historisches Zentrum einerseits zwar sehr touristisch ist, in dem man andererseits aber auch sehr viel Zeit verbringen kann, da es so viel zu sehen und lernen gibt. Wir besuchten die Stadt zusammen mit meiner japanischen Freundin, die uns im Vorbeigehen die wichtigsten Dinge erklären konnte. Es war super, eine Japanerin an unserer Seite zu haben für allerlei Fragen, die uns durch den Kopf schossen.
Als wir kurz vor der Mittagszeit mit dem Zug am Bahnhof ankamen, wies sie uns zunächst den Weg zu einem der vielen kleinen Lädchen, die über ein Fenster zur Straße Umegae Mochi verkauften. Umegae Mochi sind warme, gegrillte Reiskuchen, die mit süßer roter Bohnenpaste gefüllt sind. Die Paste wird in eine dünne Schicht aus Mochi-Teig gewickelt und auf einer heißen Eisenplatte gebacken, die mit einem Pflaumenblütenmuster versehen ist. Woher die Pflaume in der Geschichte kommt, kann ich leider nicht erklären, aber vermuten. In Japan wird neben der weltbekannten Kirschblüte auch die Pflaumenblüte sehr geschätzt. Die Pflaumen blühen rund einen Monat vor den Kirschen und waren folglich schon durch, als wir nach Kyūshū kamen. Die Pflaumenblüten waren wohl auch Sugawara Michizanes Lieblingsblüten und dieser Herr war ein Gelehrter, der im Tenman-gū Schrein beerdigt ist und verehrt wird. So finden sich auf dem gesamten Gelände wohl mehrere tausend Pflaumenbäume, die Mitte Februar bis Anfang März mit ihrer Blüte verzaubern. Vermutlich ist daher auf den Umegae Mochi aus Dazaifu die Pflaumenblüte drauf.
Die süße rote Bohnenpaste, welche die Füllung ausmachte, begegnete uns auf unserer Rundreise anschließend noch diverse Male. Ich war die Einzige aus unserer Familie, die daran Gefallen fand. Ein Umegae Mochi war für umgerechnet gut achzig Cent auf die Hand zu bekommen. Das Café unweit des Bahnhofs, wo wir unsere ersten Umegae Mochi kauften, hatte einen wunderschönen Hinterhof mit einem liebevoll angelegten Garten, der uns sofort entschleunigte.
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Die Frau im Hintergrund formte die Mochi, der Herr im Vordergrund grillte sie kurz von beiden Seiten. |
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| Frisch gegrillt und mit Pflaumenblütenmuster. |
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Ein wunderschöner Garten erwartete uns im Hinterhof des Cafés. |
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| Entschleunigung unweit der Touristenströme. |
Nach der kleinen Mittagspause im Garten gingen wir ins Obergeschoss eines unscheinbaren kleinen Hauses am Rande der Touristenstraße. Dort hatte ich für uns Leihkimonos reserviert. Ich hatte im Vorfeld überlegt, ob es angemessen und praktisch wäre, im Kimono durch die jahrhunderte alten Anlagen in Dazaifu zu spazieren. Im Nachgang bin ich sehr froh, dass wir es gemacht haben. Wir haben ein paar grundlegende Dinge über Kimonos gelernt (Sommer- vs. Winterkimono, was trägt man darunter, Muster, Stoffe, Wickelungen...) und es fühlte sich einfach toll an in klassischem Gewandt durch den Tenman-gū Schrein zu streifen. Die Kinder behielten ihre eigenen Schuhe an. Wir Erwachsenen zogen auch die traditionellen Socken mit einer sehr einfachen Version der Geta-Sandalen an, wobei diese weder aus Holz noch mit Sockeln erhöht waren, so dass es für uns ungeübte Westler trotzdem einfach zu laufen war. Ein kleines Styling der Haare inklusive einfachem Haarschmuck war ebenso im Paket enthalten und dann konnte es losgehen zum Tenman-gū Schrein.
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Auf wirklich kleiner Fläche gab es eine wirklich große Auswahl an Kimonos. |
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Es gab eine große Bandbreite an Farben, Mustern, Stoffen und natürlich auch dazugehöriger Accessois. |
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Fertig eingekleidet machten wir uns auf den Weg zum Tenman-gū Schrein |
Nach dem ersten Torii (dazu mehr in einem anderen Eintrag) passiert man einen bronzenen Ochse. Streichelt man dessen Schnauze bzw. Hörner (und betet man anschließend noch im Schrein), bringt einem das Weisheit und gute Noten in Schule und Studium. Meine japanische Freundin erzählte mir, dass es für Schüler und Studierende aus Fukuoka zum Pflichtprogramm gehört im Tenman-gū Schrein für Weisheit und gutes Gelingen in Prüfungen zu bitten. Wir streichelten auch die Ochsenschnauze und spendeten im Schrein ein paar Yen. Kann ja nicht schaden.
Von den Ochsen gibt es auf dem gesamten Gelände des Schreins insgesamt 11 Statuen. Der Legende nach zog ein Ochse den Leichenwagen von Sugawara Michizane (der Gelehrte mit der Pflaumenblütenvorliebe) und weigerte sich an der Stelle des heutigen Schreins weiterzugehen. Also wurde Sugawara Michizane dort beerdigt und der Ochse erhielt ein paar Statuen. Statt Ochse ist teilweise auch von einem Bullen die Rede, aber ich denke, es ist für die Legende nicht essentiell, ob das Tier nun kastriert (Ochse) war, oder nicht (Bulle).
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Der Bulle am Eingang ist ein beliebtes Fotoobjekt. Ihm Maul und Hörner zu reiben soll Weisheit und Prüfungserfolg bringen. |
Beim Bullen bogen wir nach links ab und nach dem nächsten Torii erreichten wir nach wenigen Schritten den Shinji‑ike‑Teich, über den drei elegante zinnoberrote Brücken führen und zum Herzen des Schreins leiten. Die drei Brücken symbolisieren die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Wasser im Teich symbolisiert im Shintoismus Reinheit und Reinigung. Mit den Brücken überquert man das Wasser, um in den heiligen Bereich einzutreten.
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| Beim Überqueren der ersten Brücke. |
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| Auf dem Weg zum Zentrum des Schreins. |
Der Hauptweg über die Brücken und der Tenman-gū Schrein selbst waren am stärksten besucht. Das Gelände ist jedoch sehr weitläufig und sobald man vom Hauptpfad abweicht, ist es deutlich ruhiger. Die kleinen Beine, die uns begleiteten, wollten nicht so sehr weit laufen, aber die vielen kleinen Schreine des Nakashima Shrine, die wiederum von Kirschblüten gesäumt sind, schauten wir uns noch an. Soweit wir es erlebt haben, gibt es bei großen Schreinen neben dem Hauptschrein (in diesem Fall für Weisheit und gute Prüfungsergebnisse) immer noch ein paar kleinere Nebenschreine für andere Anliegen - z.B. Gesundheit, geschäftlicher Erfolg, Glück in der Liebe und viele andere Dinge. Ein Schrein, in dem wir mal waren, war dem Glücksspiel gewidmet.
Unabhängig davon, welcher Gottheit der jeweilige Schrein gewidmet ist, sind die Rituale großteils gleich. Es beginnt schon vor dem Betreten des eigentlichen Schreinbereichs. Vor dem Eingang gibt es ein Becken, an welchem man sich reinigen soll. Dafür fließt Wasser aus Bambusrohren oder es gibt Schöpfkellen, mit dem man Wasser aus einem Becken entnehmen kann. Die Reihenfolge der Reinigung ist wohl auch festgelegt, aber das erinnere ich nicht genau. Am Hauptschrein wartet man ggf. respektvoll, bis die Menschen vor einem fertig sind. Dann tritt man selbst heran und wirft eine Münze in den Opferkasten. Sofern es eine Glocke gibt, darf man diese läuten, damit die Gottheit weiß, dass man da ist und beim Gebet zuhören kann. Besonders in großen, touristischen Schreinen, scheint aber heutzutage öfters auf die Glocke verzichtet zu werden. Nach der Opfergabe mit dem Geld folgt das Gebetsritual, das mit zwei Verbeugungen beginnt. Dann klatscht man zweimal in die Hände, während man in Gedanken seine Bitte äußert. Am Ende verbeugt man sich nochmal tief und tritt ein paar Schritte zurück, bevor man sich umdrehen darf, um weg zu gehen. Das ist das shintoistische Gebetsritual in der Kurzversion.
Darüber hinaus gibt es zumindest an den großen Schreinen immer einen oder mehrere Stände, an denen man Glückbringer (für den entsprechenden Lebensbereich, für den der Schrein steht) und auch Wahrsagezettel kaufen kann. Die Omikuji (Wahrsagezettel) sind ähnlich wie die Sprüche, die wir aus Glückskeksen kennen. Sie können nur deutlich länger und detaillierter sein. Der Inhalt kann von großem Glück bis zu großem Unglück reichen. Wir hatten einen Zettel mit ein bisschen und einen mit mittel viel Glück erwischt. Diese Loszettel kann man entweder mitnehmen (meist bei den guten Vorhersagen) oder am Schrein an einen Baum oder ein speziell dafür errichtetes Gestell anbringen, um das schlechte Omen im Schrein zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen.
Neben dem Wahrsagezettel gibt es oftmals auch Holztäfelchen. In der Regel befindet sich auf der Vorderseite ein Symbolbild des Schreins/ der Gottheit, wo man ist und auf der Rückseite kann man dann seine eigenen Wünsche, Gebete oder Danksagungen schreiben. Diese hängt man dann an designierte Stellen auf dem Gelände des Schreins, damit die Gottheiten die Wünsche lesen können.
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Beobachtung der Kois. Sie dürfen in keinem größeren Schrein fehlen. |
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Eine einfache Zeremonie mit Priester, die wir von außen beobachten konnten. |
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Holztäfelchen mit Wünschen, Gebeten oder Danksagungen findet man im Grunde in allen Shinto-Schreinen. |
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Etwas Abseits des Hauptschreins fand man Natur und Ruhe. |
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Der Nakashima Shrine ist in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tenman-gū Schrein |
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| Immer respektvoll sein. |
Wir sammelten in Dazaifu viele Eindrücke zum traditionellen Japan und kratzten dennoch nur an der Oberfläche.Um die Geschichte und Traditionen eines Landes zu verstehen braucht es Zeit und am besten jemanden von vor Ort, der auf Details und mögliche Fettnäpfchen hinweist. Es war super, dass meine Freundin uns die ersten Tage begleitete und uns ihre Heimat zeigte.
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Am Bahnhof auf dem Rückweg nach Fukuoka - dann wieder in unseren Alltagssachen. |
Neben solchen großen, bekannten Schreinen wie in Dazaifu gibt es in Japan eine unüberschaubare Anzahl an kleinen Schreinen, die sich relativ unscheinbar zwischen den Hochhäusern einer Stadt verstecken können. Bereits an unserem ersten Tag in Fukuoka, der primär den Kirschblüten gewidmet war, hatten wir einige entdeckt. Um ein paar weitere Schreine - dann jedoch ohne Kimono - soll es in den nächsten Blogeinträgen noch gehen. Es gibt noch viel zu erzählen.