Umweltfreundlich und mit dem als Student ohnehin bezahlten Ticket beschloss ich den Zug nach Dresden zu nehmen. Da es von meinem derzeitigen Wohnort aus keinen großen Unterschied macht, ob ich am Chemnitzer Hbf oder in Flöha in den Regionalexpress steige, die Parkplatzsituation am Flöhaer Bahnhof jedoch entspannter ist, machte ich mich am Morgen mit dem Auto durch das im Südosten von Chemnitz gelegene Sternmühlental auf den Weg gen Flöha. Dort, wo die Straße auf die B180 entlang des Flusses Zschopau trifft und ich hätte links abbiegen müssen, stand ich jedoch ganz plötzlich und unvermittelt vor einer Vollsperrscheibe. Vorherige Hinweise? Gab es keine. Umleitungsschilder? Natürlich nicht! Fluchend und den Zug im geistigen Auge schon ohne mich davon fahren sehend, bog ich in die einzig mögliche Richtung nach rechts ab und kam über Hennerdorf, schmale Waldstraßen und über Augustusburg schließlich doch noch an mein Ziel und war dank einer eingeplanten Reservezeit von einer viertel Stunde am Ende noch zwei Minuten vor Abfahrt am Bahnsteig. Froh es doch noch rechtzeitig geschafft zu haben, stieg ich in den sehr vollen Zug und fand einen Sitzplatz vor einer Gruppe Fußballfans, die in der einen Stunde Zugfahrt jeweils drei Flaschen Bier leerten, und hinter einer Gruppe Jugendlicher, die den Gesprächen zufolge auf dem Weg zu einem christlichen Chorkonzert waren. Mein mitgebrachtes Buch ließ ich im Rucksack und lauschte stattdessen den Gesprächen um mich herum, die genügend interessante Unterhaltung garantierten. Fahrplanmäßig erreichte der Zug nach einer Stunde den Dresdner Hauptbahnhof. Der Rückweg am Abend wurde dann ungleich länger.
| Alter Gasometer neben dem Asisi Panometer. |
| Der große Garten in Dresden mit dem Palais in der Mitte. |
Aufgrund von Gleisbauarbeiten (so die Auskunft einer Schaffnerin in Dresden) verlängerte sich die Fahrzeit von Dresden nach Flöha planmäßig von unter einer auf knappe drei Stunden, da der Zug nur bis Tharandt fahren würde und die Reisenden von dort im Schienenersatzverkehr weiterbefördert werden würden. Kurz nach neun Uhr abends in Dresden in den Zug steigend stellte ich mich also auf eine Ankunft kurz vor Mitternacht ein. Im Zug, wo ich diesmal vor einer Gruppe angeheiterter junggesellenabschied-feiernder Männer saß, erfuhr ich von der Schaffnerin dann weiterhin, dass wir in Tharandt in einen Bus steigen würden, dieser aber nur bis Freiberg fahren würde und dort in einen anderen Bus nach Chemnitz/ Flöha umzusteigen sei.
Tharandt ist von Dresden abfahrend normalerweise der erste Halt nach Dresden Hbf und liegt nur ca. 10 Minuten Fahrtzeit entfernt. So der Idealfall. Gestern Abend hielt der Zug jedoch an jedem Haltepunkt zwischen Dresden Hauptbahnhof und Tharandt und braucht so schon eine knappe halbe Stunde. In Tharandt angekommen, eilte ich schnellen Schrittes zu einem der zwei auf dem Parkplatz stehenden Busse. Wie ich strömten die anderen Reisenden in einen der Busse und bald schon waren die Busse so voll, dass überall die Leute standen und draußen immer noch Menschen warteten. Der Busfahrer schloss dann einfach die Türen und fuhr an. Dass Leute im Überlandbus im Gang standen störte genauso wenig, wie dass Reisende in Tharandt zurück blieben und dort auf den nächsten Bus (der wie ich später erfuhr auch erst eine Stunde später wieder da sein sollte) warten mussten. In Freiberg spuckten uns die zwei Busse dann wieder aus und ein wirklich freundlicher *das ist diesmal keine Ironie* Herr mit einer roten Weste der deutschen Bahn begrüßte uns. Der Herr war eigentlich ein Mitarbeiter einer Security Firma, war von der DB jedoch vollkommen richtig auf diesen Ordner-Posten eingeteilt worden, denn er konnte uns in unserer Lage zwar nicht Weiterhelfen und hatte auch nicht auf jede Frage eine Antwort parat, meinte in seinem zweiten Satz aber gleich, dass wir ihm alles an den Kopf werfen könnten, was wir wollen, er sei abgehärtet und habe schon alles gehört.
Was war eigentlich "unsere Lage"? Der freundliche Herr erklärte uns, dass wir in Freiberg eine Stunde auf den Zug, der uns weiter gen Flöha/ Chemnitz bringen sollte, warten müssten. Nur zur Erinnerung: es war Samstag Nacht halb elf, als wir in Freiberg mit dem SEV von Tharandt angekommen waren. Wir sollten also eine Stunde bis halb zwölf nachts an der dunklen Bushaltestelle warten. Als Reisende nach Bestätigungen der Zugverspätung fragten, meinte er, er habe keine bekommen und die Busfahrer hätten auch keine. Als wir nach Toiletten fragten, meinte er, dass am Nachmittag, als die umliegenden Geschäfte noch aufgewesen sein, einige der Läden so freundlich waren, ihre Personaltoilette zur Verfügung zu stellen. Zu der nun herrschenden Nachtzeit empfahl er uns vielleicht in einer Bar nachzufragen, oder hinter einen Busch zu gehen. Es wurde jedenfalls schnell klar, weshalb er zu Beginn gleich gesagt hatte, dass wir ihm alles an den Kopf werfen könnten und er schon abgehärtet sei. Zum Glück war die Gruppe der Lage entsprechend relativ entspannt und sah, dass es nicht viel bringen würde, sich in der Situation maßlos aufzuregen. Stattdessen unterhielten wir uns alle mit den uns bis dahin wildfremden mitreisenden Menschen, tauschten Schokolade und Taschentücher aus, witzelten mit Galgenhumor über unsere Lage und die deutsche Bahn und gewannen der Situation soweit möglich positive Aspekte (es war eine milde Sommernacht statt bitterkalter Winter mit Schneetreiben) ab.
Der Grund, weshalb wir eine Stunde auf unseren Bus für die Weiterfahrt warten mussten war, dass zwei Busse in Freiberg angekommen waren, aber von der DB eben nur ein Bus für die Weiterfahrt bereitstand und nicht sehr viele Reisende in Freiberg ihr Endziel hatten. Da der Schienen-ersatzverkehr nach genau dieser Methode am Samstag seit 17 Uhr so verkehrte, schaukelte sich das Problem, dass immer mehr Menschen "übrig" waren, ständig weiter auf und so fuhr der Bus, wenn er denn wieder in Freiberg ankam, ab, sobald er voll war und die Nächsten mussten dann eben warten. Im "Ideal"-Fall wartete man also in Tharandt nach dem Ausstieg aus dem Zug eine Stunde auf den Bus nach Freiberg, da die Buskapazitäten nicht ausreichten und in Freiberg wartete man eine weitere Stunde auf die Weiterfahrt in Richtung Chemnitz. Dazu kam, dass die Busse natürlich in jedem Dorf hielten und die reine Fahrzeit per Bus ungleich länger war, als mit dem Zug und natürlich lief es am Ende auch darauf hinaus, dass wir nicht "nur" eine Stunde auf den Bus warteten, sondern noch 20 Minuten länger, so dass es kurz vor Mitternacht war, bis wir in Freiberg schließlich in den Bus steigen konnten. Dieser war dafür dann auch auf sibirische Temperaturen heruntergekühlt. Wahrscheinlich wollte die DB der vor einiger Zeit ausgefallenen Klimaanlagen rückwirkdend etwas entgegensetzen. Da durch die mittlerweile hereingezogenen Gewitter glücklicher Weise kein Baum entwurzelt und auf die Straße gekippt war, verlief die restliche Fahrt nach Flöha problemlos und ich war reichlich vier Stunden, nachdem ich gestern Abend in Dresden in den Zug gestiegen war heute früh auch schon zu Hause, wo ich mich nur noch ins Bett fallen ließ. Wer will bei so einer andauernden Abenteuerreise innerhalb Sachsens schon noch nach Barcelona, Trondheim, Moskau oder Istanbul fliegen?
Senk ju for träwelling wis deutsche bahn.