... kam es mir vor, als ich vor einem Monat eineinhalb Tage in Jerusalem verbrachte. Die Heilige Stadt, Zentrum der Weltreligionen, Pulverfass und Zankapfel im israelisch palästinensischen Konflikt, größte Stadt Israels, Zion, Hauptstadt von Israel und Palästina. Es gibt viele Namen für die Stadt.
Meine Reise begann nach nur knapp vier Stunden Schlaf Mittwoch Morgen viel zu zeitig in Dresden. Von dort ging es per Bus zum Flughafen Berlin Schönefeld. Ich hatte ein bisschen mehr Zeit eingeplant, als sonst, wenn ich fliege, weil es hieß, dass man vor einem Flug nach Israel mit ein paar mehr Sicherheitskontrollen rechnen sollte, als bei anderen Flügen. Das kann ich nur bestätigen. Noch ehe ich den Koffer aufgeben konnte, wurde ich in einem Einzelinterview fünfzehn Minuten über den Grund meiner Reise, frühere Reisen in den arabischen Raum, den Inhalt meines Koffers und Handgepäcks, den Namen meines Professors, den Namen meines Freundes und noch einige persönliche Dinge mehr ausgefragt. Einige meiner Aussagen sollte ich mit Hotelbuchungsbelegen oder E-Mails belegen. Nachdem ich trotz meines relativ geringen Gepäcks für 8 Tage, dem Kofferanhänger von Emirates, dem ägyptischen Stempel im Pass und dem Fakt, dass ich allein reiste scheinbar als ungefährlich eingestuft worden war, durfte ich dann meinen kleinen Trolley aufgeben und warten, bis mein Handgepäck händisch auf Sprengstoffrückstände untersucht waren. Danach konnte ich mich für die ganz normale Handgepäckskontrolle anstellen. Bevor es dann zum Abfluggate in einem extra abgegrenzten Bereich ging, wurde mein Handgepäck ein weiteres Mal durchleuchtet. Ich hatte Zeit und wurde stets freundlich behandelt, so dass ich alles entspannt über mich ergehen ließ. Beim Rückflug waren die Fragen bohrender, die Anzahl der Überprüfungen noch höher und die Durchsuchung des Handgepäcks noch penibler und zeitintensiver. Die Sicherheitsprozeduren vor dem Rückflug fand ich wirklich zum Abgewöhnen, aber zurück zur Hinreise.
Nach einem sehr entspannten Flug (die zwei Sitzplätze neben mir waren frei, so dass ich liegend etwas Schlaf nachholen konnte) landete ich pünktlich am größten internationalen Flughafen Israels südöstlich von Tel Aviv. Dort war die Einreiseprozedur dann sehr entspannt und nur eine Stunde nach der Landung saß ich auch schon im Bus nach Jerusalem. Während mir draußen eine feuchte Hitze von über 30°C entgegengeschlagen war, musste ich mir im klimatisierten Bus erst mal ein Tuch um die Schultern legen. Abgesehen von den fast immersehr frischen Temperaturen in den Überlandbussen und den meist sehr sportlich fahrenden Busfahrern, sind die Busse aber in ganz Israel zu empfehlen. Das Netz ist dicht und gut frequentiert. Die Busse sind modern, bequem, sauber und verfügen über kostenfreies W-Land und USB Steckdosen und das alles zu sehr entspannten Preisen. Für die 45 Minuten Fahrt vom Flughafen zur Central Bus Station in Jerusalem bezahlte ich umgerechnet nur etwa vier Euro.
In Jerusalem waren die Temperaturen angenehmer. Es war trockener als nahe Tel Aviv, was wahrscheinlich daran lag, dass die Luft trockener war, die heilige Stadt reichlich 750 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ein leichtes Lüftchen ging und die Sonne langsam hinterm Horizont verschwand. All die Eindrücke um mich herum aufsaugend (die orthodoxen Juden in ihren langen schwarzen Gewändern; die hellen Kalksteine, mit denen wirklich jedes Gebäude in Jerusalem zumindest außen optisch verkleidet ist; die vielen Kinder im Straßenbild...) war mein erstes Ziel in Jerusalem die Wohnung des Couchsurfers, bei dem ich die nächsten zwei Nächte verbringen wollte. Er wohnte nur etwa 15 Minuten zu Fuß entfernt nahe der Jaffa Straße, einer der längsten und ältesten Hauptstraßen der Stadt, auf der nur Fußgänger und die einzige Straßenbahn der Stadt erlaubt sind und die im Osten direkt am Jaffa Tor - dem Haupteingang zur Altstadt - endet. Nach einem kurzen Begrüßungssmalltalk schlug er vor mir die Gegend zu zeigen und so spazierten wir über den Mahane Yehuda Markt zur Jaffa Straße in Richtung Altstadt und nach einer halben Stunde über eine andere Route zurück in Richtung der Wohnung. Ich ließ die Umgebung auf mich wirken und redete mit meinem Gastgeber über das Judentum, traditionelle Bräuche, alltägliche Gegebenheiten, Jerusalem und was uns halt so in den Sinn kam. Zu Abend aßen wir unterwegs einen Sabich - eine Art Döner mit Humus, gekochtem Ei, gegrillten Auberginen und Salat. Mega Lecker!
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Die Jaffa Straße am Abend. Bei 30°C und einem leichten
Lüftchen lässt es sich in der Fußgängerzone entspannt flanieren. |
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Lecker Sabich - ähnlich wie Döner, aber mit Humus, gekochtem
Ei und gegrillten Auberginen. Mjam. |
Für den Donnerstag Morgen hatte ich mir einen Wecker gestellt - nicht zu zeitig, weil ich schließlich frei hatte, aber auch nicht zu spät, um möglichst viel vom Tag zu haben. Auf dem großen Markt öffneten gerade erst die ersten Läden und die Jaffa Straße gen Altstadt war auch noch deutlich menschenleerer, als ich kurz vor neun in Richtung Altstadt lief. Kurz vor der Altstadt sah ich linker Hand einen großen freien Platz durch ein paar Bäume blitzen. Am Rande des Platzes befindet sich das Rathaus und einige Tafeln, die von geschichtlichen Ereignissen erzählen. Besonders interessant fand ich ein Mosaik, auf dem Jerusalem klar als Nabel der Welt zu identifizieren ist.
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| Das Rathaus, unweit des Jaffa Tores außerhalb der Altstadt. |
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| Eine spezielle Sicht auf die Welt. |
Keine 100 Meter vom Rathaus entfernt öffnet ein Platz die Sicht auf die Mauern der Altstadt. Das alte Jerusalem - Jahrtausende alt, umkämpft bis heute und eine Faszination ausstrahlend, der ich mich nicht entziehen konnte. Wie wahrscheinlich sehr viele Touristen betrat ich die Altstadt durch das Jaffator, bei dem auch die Touristeninformation und das Stadtmuseum in der Davidszitadelle zu finden sind. Dort hielt ich mich jedoch nicht lange auf, sondern ging recht flotten Schrittes durch das armenische und jüdische Viertel in Richtung Klagemauer und Tempelberg. Da der Tempelberg für Nicht-Muslime nur zu bestimmten Zeiten geöffnet ist (früh bis 11 Uhr und am Nachmittag noch mal eine Stunde. Freitags bspw. gar nicht), war dies mein erstes Ziel. Natürlich lief ich aber nicht blind durch die Altstadt, sondern saugte alles auf, was meine Sinne mir lieferten. Wie zu Beginn geschrieben, hatte ich den Eindruck in diesen engen verwinkelten Gassen Geschichte atmen zu können. Überall wuselten Menschen. Der helle Kalkstein vermittelte ein freundliches Bild der Stadt. Von breiteren Straßen gehen kleine Gassen in alle Richtungen ab. Hin und wieder sind eingezäunt tiefere Straßenniveaus sichtbar - mal wieder eine Ausgrabungsstätte. An manchen Stellen erkennt man die unterschiedlichen Steine und Bauweisen, die aufeinander aufbauen. Jerusalem wurde gebaut, teilweise niedergerissen und wieder mit neuen Gebäuden und Straßen bebaut - und das wieder und wieder. Die ältesten Nachweise menschlicher Besiedlung des Gebiets reichen über 6.000 Jahre zurück. Die erste Stadtmauer soll vor knapp 4.000 Jahren die Bewohner geschützt haben. Vor rund 3.000 Jahren ernannte David Jerusalem wohl zum ersten Mal zur Hauptstadt des israelischen Königreichs. Wer sich im Detail für die wechselnden Herrscher von David über die Römer und Araber und Fatimiden und Seldschuken und Osmanen und der UN (und den vielen anderen hier nicht aufgezählten) interessiert, den bitte ich die entsprechenden Geschichtsbücher zu wälzen. Ich müsste auch alles nachlesen. Auch ohne das detaillierte geschichtliche Wissen, spürte ich in dieser Stadt jedoch zumindest einen Teil von all den Geschichten aus der Historie.
Wenngleich das Alte allgegenwärtig ist, so ist die Gegenwart doch auch stets präsent und wird lebhaft zelebriert. Jüdische Hochzeiten sah ich an dem Tag zwei oder drei im jüdischen Viertel und dazu unzählige Bar Mitzwas. Die Bar Mitzwa für Jungs und die Bat Mitzwa für Mädchen ist ein Fest, bei dem die religiöse Mündigkeit gefeiert wird. Nach meinem Verständnis sollte man es mit Konfirmation bzw. Jugendweihe in Deutschland vergleichen können. Besonders wichtig angesehen wird das Fest für die Jungs, die es mit 13 begehen (Mädchen mit 12). Durch meinen jüdischen Gastgeber, eine Stadtführung durch Jerusalem am Nachmittag und meine eigenen Beobachtungen aus respektvoller Entfernung der Feiernden erfuhr ich so manch interessantes Detail über die Bar Mitzwa. Von den jüdischen Hochzeiten weiß ich weniger, aber es machte einfach Spaß in der Straße den singenden und frohen Menschen zu zuschauen, wie sie das Brautpaar unter einem Baldachin (Chuppa) begleiteten.
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| Gassen in Jerusalems Altstadt. |
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Ein Brautpaar (unter dem Baldachin) wird von der froh singenden
Hochzeitsgesellschaft begleitet. |
Immer weiter gen Osten gehend, tat sich schließlich vor mir der Blick auf Klagemauer und Tempelberg auf. Wie bei so vielen Orten auf der Erde, kennt man den Anblick ganz allgemein aus den Medien, aber vor Ort nimmt man einfach viel mehr wahr als auf einem Bild. Man hat ein Gefühl für den Ort. Man sieht alles - das Panorama, den Himmel, den Boden, die Menschen. Man hört die Geräusche und riecht die verschiedenen Düfte. Man kann Dinge besser einordnen. Wenn man das untenstehende Panoramabild betrachtet, fällt wahrscheinlich zuerst die goldene Kuppel des Felsendoms (Dome of the Rock) auf. Davor ist die im unteren Teil mehrere tausend Jahre alte Western Wall (dt.: Klagemauer) erkennbar.

Schaut man sich das Foto intensiver an, kommen noch viele weitere Dinge ans Auge des Betrachters: Links im Hintergrund kann man Teile des muslimischen Viertels ausmachen. Links im Vordergrund ist ein kleiner würfelartiger Bau zu sehen. Darin fanden Sicherheitskontrollen vor dem Zutritt des Geländes mit der Klagemauer statt. Vor der Klagemauer sieht man einen auf Stelzen gebauten und überdachten Gang aus Holz: die Mughrabi Brücke. Dies ist der einzige von elf Zugängen zum Tempelberg, über den auch Nicht-Muslime (zu ausgewählten Zeiten) diesen betreten dürfen. Am Beginn dieses Zugangs gibt es erneut Kontrollen. Es wäre nicht Jerusalem, wenn es um diesen eigentlich nur provisorisch gedachten Zugang, in der Vergangenheit nicht auch Streitigkeiten zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen gegeben hätte. Direkt vor der Klagemauer kann man auf dem Foto sehen, wie sich die Menschen drängen. Etwas weiter hinten stehen ein paar Schirme, die die Menschen beim Studium der Thora oder bei Bar Mitzwa Feierlichkeiten vor der Sonne schützen sollen. Rechts vom Felsendom ragt das Grün der Bepflanzungen auf dem Tempelberg empor und rechts davon ist die Al-Aqsa Moschee zu sehen. Hinter dem Tempelberg und besonders gut rechts von der Al-Aqsa Moschee zu sehen ist der Ölberg (Mount of Olives), der über 800 Meter über dem Meeresspiegel liegt und früher voller Olivenbäume war. Heutzutage sind nur noch wenige davon erhalten. Direkt gegenüber der Altstadt dominiert der jüdische Friedhof das Bild. Außerdem befinden sich viele verschiedene Kirchen auf dem Berg, u.a. die Maria-Magdalena-Kirche, in der Maria begraben gelegen haben soll. Aus Zeitgründen habe ich es nicht auf den Ölberg geschafft. Direkt rechts vom Tempelberg sieht man auf dem Foto außerdem noch blaue und weiße Luftballons in den Himmel steigen. Diese wurden von einer israelischen Hochzeitsgesellschaft auf Reisen geschickt. Ganz am rechten Bildrand ist ein Teil der Davidsstadt zu sehen - dem ältesten besiedelten Teils Jerusalems (noch vor der heutigen "Altstadt"). Das sind alles nur die Dinge, die man auf dem stehenden Bild sieht. Mehr noch gab es vor Ort zu erleben.
Nachdem ich mir das Panorama ein paar Minuten angeschaut hatte, ging ich durch zwei Sicherheitskontrollen die hölzerne Mughrabi Brücke hinauf auf den Tempelberg. Auch wenn man als Nicht-Muslim weder in den Felsendom noch in die Al-Aqsa Moschee hinein darf, so fand ich den Besuch auf dem Tempelberg doch sehr lohnenswert und verbrachte etwa eine Stunde in dem Areal. In den Nachrichten taucht der Tempelberg eigentlich vor allem dann auf, wenn es mal wieder Reibungen zwischen Juden und Muslimen gibt. Ich erlebt den Tempelberg jedoch als einen sehr friedlichen, ruhigen Ort. Die Altstadt mit ihren engen Gassen ist laut und trubelig. Auf dem Tempelberg gibt es weite offene Flächen, grüne Olivenhaine und eine relative Ruhe. Sofern die Beine bis zu den Knöcheln (gilt auch für Männer) und die Arme bis zu den Handgelenken züchtig bedeckt sind, kann man sich auf dem Tempelberg als Tourist frei bewegen. Als Jude scheint der Besuch nur in kleinen geführten Gruppen erlaubt, die auch immer von diversen Sicherheitskräften umkreist worden. Wie gefühlt jeder Ort in dieser alten Stadt, wird auch der Tempelberg von verschiedenen Gruppen als einer ihrer heiligen Orte angesehen, denn irgendwann in den vergangenen 6.000 Jahren ist dort der Überlieferung nach etwas total wichtiges passiert. Ich habe mich in Israel nie unsicher gefühlt, aber die Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen (ultra-orthodoxe Juden, gemäßigte Juden, Muslime, orthodoxe Christen, armenische Christen, Drusen und wie sie alle heißen) sind immer irgendwie präsent und manchmal fast greifbar. Man hat sich für den Großteil der Zeit auf eine Art Waffenruhe basierend auf dem Status Quo geeinigt, aber man kann ja immer mal die Grenzen austesten...
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Der Tempelberg - Felsendom, Gänge, die zum Lustwandeln
einladen, Olivenhaine und der Blick zum Ölberg. |
Nachdem ich kurz vor 11 Uhr gebeten wurde den Tempelberg zu verlassen, wollte ich mir die Klagemauer von Nahem anschauen. Da ich den Tempelberg über ein nördlicheres Tor im muslimischen Viertel verlassen hatte (raus geht es überall, aber rein halt nur an einer Stelle), musste ich erneut durch die Taschenkontrolle und Metalldetektoren, um zur Klagemauer zu kommen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Es gehört dort einfach zum Alltag in Israel. Ebenso wie die Armisten, die überall im Straßenbild mit Ihren großen Waffen entlanglaufen.
Als ich auf die Klagemauer schauend links die Schräge hinab lief, um meinen Zettel, den ich geschrieben hatte, wie Millionen Menschen vor mir in die Ritzen der Steine zu klemmen, wurde ich plötzlich von der Seite angesprochen und darauf hingewiesen, dass ich hier nicht sein darf. Das sei der Bereich für die Männer. Der Bereich für die Frauen sei auf der anderen Seite. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mitbekommen, dass es getrennte Bereich für Männer und Frauen gibt. Ein Fakt, der mir sehr missfiel. Besonders missfiel er mir, als ich mitbekam, dass der Bereich für die Männer etwa doppelt so groß ist wie der für die Frauen. Wenn man auf untenstehendes Foto schaut, sieht man die Unterteilung recht deutlich. Eine etwa 1,80 Meter hohe Wand trennt den Bereich direkt vor der Mauer. Was man auf dem Foto unten neben der ungleichen Größe der Bereiche noch sieht ist, dass der Bereich der Männer wesentlich leerer ist als der der Frauen. Die Frauen bekommen also nicht nur weniger Platz, sie bekommen weniger Platz, obwohl mehr von ihnen die Mauer für Ihre Gebete nutzen. Die jüdische Stadtführerin fragte ich später, warum der Bereich für die Männer größer sei als der für die Frauen. Ihre kurze, kecke Antwort war: Weil die Männer die Teilung aufgebaut haben. Nach einer kunstvollen Pause, in der wir uns alle unseren Teil dachten, fügte sie noch hinzu, dass dies natürlich nicht die offizielle Erklärung sei. Offiziell seien die Bereiche unterschiedlich groß, weil es für die Männer im Judentum feste Zeiten gibt, zu denen sie religiöse Handlungen vollführen sollen. Für die Frauen sind diese Zeiten nicht bindend, weil diese sich im Zweifel immer erst um die Kinder und nicht ums Beten kümmern sollen. Deshalb, so die Theorie, sind mehr Männer zum Beten da. In der Praxis seien die Frauen aber viel emotionaler bezüglich der Gebete und deshalb ist der Frauenbereich häufig stärker frequentiert. Allgemein werden die Geschlechter offiziell wohl deshalb getrennt, damit die Männer beim Gebet nicht durch den Anblick der Frauen abgelenkt werden. Wie ich es hasse, wenn die Männer die Frauen für ihre lüsternen Befinden büßen lassen...
Besonders bescheuert (entschuldigt die Wortwahl) fand ich die Trennung von Männern und Frauen bei den Bar Mitzwa Feiern. Das ist wie gesagt die Feier, in der die 13 jährigen Jungen ihre religiöse Mündigkeit erreichen und ein sehr wichtiger Tag im Leben eines Juden, dem natürlich die ganze Familie beiwohnt und so eine Familie besteht aus weiblichen und männlichen Verwandten. Nun gibt es aber ja getrennte Bereiche für Männer und Frauen vor der Klagemauer, die mit einer ca. 1,80 Meter hohen Mauer getrennt sind. Was tut man also, wenn die ganze Familie der Zeremonie beiwohnen soll? Die Männer gehen in ihrem Bereich ganz nach rechts direkt an die Trennwand. Die Frauen gehen in ihrem Bereich ganz links, so dass sie auch direkt an der Trennwand stehen. Um schließlich über die Trennwand schauen und der Zeremonie beiwohnen zu können, steigen die Frauen auf Bänke und Stühle und recken die Hälse, um über die Absperrung blicken und so irgendwie doch dabei sein zu können. Jede Kultur hat ihre Bräuche, die von außen seltsam anmuten mögen, aber innerhalb der Kultur vollen Herzens gelebt werden. Diese Szenerie fand ich dennoch grotesk.
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Blick auf die Klagemauer - gut sichtbar die unterschiedlichen
Bereiche für Männer (links) und Frauen (rechts). |
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Die Frauen stellen sich auf Bänke und Stühle, um über die Trenn-
wand auf die Bar Mitzwa eines Verwandten schauen zu können. |
Nachdem ich die heiligen Städten der Muslime und Juden besichtigt hatte, machte ich mich durch die Altstadtgassen auf den Weg ins christliche Viertel. Ich beschritt nicht die gesamte Via Dolorosa (der Leidensweg von Jesus, dessen Verlauf jedoch umstritten ist), die bereits im muslimischen Viertel beginnt, sondern schlenderte hauptsächlich umher und vermied es mich von den Händlern entlang der Gassen in ihre Läden ziehen zu lassen, bis ich zur Grabeskirche kam. Weiter oben im Text berichtete ich von einem in meiner Empfindung grotesken Verhalten bei den Juden. Die Grabeskirche bietet auch so manche Geschichte, die zum ungläubigen Kopfschütteln anregt. So erheben seit Jahrhunderten verschiedene christliche Konfessionen Anspruch auf die Kirche und natürlich verstehen sich die griechisch orthodoxen, die römisch katholischen, die armenischen, die koptischen und all die anderen Glaubensrichtungen nicht so gut. Warum sollten sie auch? Schließlich glauben sie alle an den selben Gott... Man hat sich jedoch soweit arrangiert, dass jeder irgendeinen Teil der Kirche als Seins beansprucht. Doch wer bekommt den Schlüssel zur Kirche? Natürlich kann man den jeweils anderen Glaubensrichtungen nicht trauen. Also gab man die Schlüsselgewalt vor mehreren hundert Jahren in die Hände von Muslimen und so wie früher die Königskrone innerhalb einer Familie weitervererbt wurde, so wird die Schlüsselbefugnis seit Jahrhunderten in der muslimischen Familie weitergegeben, da sich die unterschiedlichen Christen nicht gegenseitig trauen. Grotesk.
Die Kirche von außen fand ich ganz hübsch anzuschauen und auch im Inneren ist durch die schiere Größe eine gewisse Imposanz zu spüren, aber irgendwie ließ sie mich alles in allem doch recht unbeeindruckt. Gleich wenn man durch das Hauptportal im Süden in die Kirche tritt, liegt vor einem ein rechteckiger Stein. Mir fiel auf, dass sehr viele der eintretenden Menschen niederknieten und diesen Stein küssten und kurz beteten. Es soll der Stein sein, auf den Jesus gelegt wurde, als er vom Kreuz genommen wurde. Nach links gelangt man in die große Rotunde der Kirche, in deren Mitte eine Ädikula steht - ein kleiner Tempel. Für mich sah es aus wie eine kleine Kapelle in der großen Kirche. Am Eingang stand ein Geistlicher und überwachte, dass immer nur einige wenige Menschen gleichzeitig Zutritt bekamen. Es zog sich nämlich eine lange Schlange von Menschen um diese Ädikula herum und wartete darauf eingelassen zu werden. Auch ohne mich vorher mit den Gegebenheiten der Grabeskirche beschäftigt zu haben, war mir dann doch recht schnell klar, dass darin wohl das eigentliche Grab liegen soll. Da ich schon mal da war, reihte ich mich in die Schlange der Wartenden ein, um auch in die Kapelle zu können. Ich musste am Ende über 30 Minuten warten und war ziemlich unbeeindruckt von dem, was ich sah. Nüchtern betrachtet ist es ein kleiner enger Raum, der nicht mehr als vier Personen gleichzeitig Platz bietet. In den Raum kommt man über eine Art Vorzimmer, welches nicht größer ist als der Raum mit dem Grab. Man kommt aber nur gebückt durch den Türbogen. Das soll wahrscheinlich Demut erzeugen. Die orthodoxen Geistlichen am Eingang scheuchen die Leute durch die Ädikula durch, damit alle mal rein kommen. Ich hatte den Eindruck in einer Art Matroschka zu sein. Die kleinste Figur ist das heilige Grab. Das ist umgeben von der kleinen Kapelle. Diese wiederum steht in der Grabeskirche, welche sich wiederum im christlichen Viertel befindet. Die nächste Schicht bildet die heilige Stadt Jerusalem, welche sich natürlich im heiligen Land befindet. Es ist manchmal witzig, Sachen ein wenig zu abstrahieren. Am interessantesten in der Kirche fand ich es, die anderen Menschen zu beobachten. Es gab nicht wenige, die vor Ort in Tränen ausgebrochen sind.
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In den kleinen Geschäften entlang der Gassen gab
es alles - je nach Glaubensviertel mit einem Fokus
auf die entsprechenden religiösen Nutzgegenstände. |
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Im Uhrzeigersinn: Grabeskirche von außen;
Salbungsstein; die Grabeskapelle im inneren
der Rotunde in der Kirche; das heilige
Grab im inneren der Grabeskapelle. |
Nach dem Besuch der Grabeskirche eilte ich zurück zum Jaffa Tor, um am Nachmittag an einer kostenlosen (Trinkgeld gern genommen) Stadtführung teilzunehmen. Ich hatte mir in knapp fünf Stunden ein erstes eigenes Bild gemacht und bin überall so lange geblieben, wie ich es interessant fand. Nun nahm ich noch an einer Führung teil, um ein paar Hintergrundinformationen zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu bekommen, ohne mehrere Bücher zu durchwälzen. Dabei wusste unsere Führerin nicht nur von den offensichtlichen Dingen zu berichten, sondern lockerte die Führung auch immer mal mit ein paar lustigen Fakten auf. Bspw. fragte sie, wo in der Summe im Jahr mehr Niederschlag fällt: London oder Jerusalem.
Je nachdem, welche Quellen man dann bemüht, kann durchaus Jerusalem als
Sieger aus diesem Vergleich hervorgehen. Basierend auf einem absolut
reliablen und unfehlbaren Onlinelexikon (bitte den Sarkasmus erkennen)
liegt London mit 611 mm (145 Regentage) aber dann doch vor Jerusalem mit
554 mm (62 Regentage). Während London übers Jahr gleichmäßig um die 50
mm Niederschlag je Monat hat, ereilt Jerusalem das lebensspendende Nass
fast ausschließlich von Dezember bis März. Insgesamt fällt in Jerusalem aber dennoch mehr Regen, als wir Touristen uns im August ausgemalt hatten. Nach einem Hinweis fielen mir dann auch die Vertiefungen in den Straßen auf, die als Flutrinnen die Wassermassen lenken sollen, wenn sie denn kommen. Es war auch bei der Stadtführung, dass ich lernte, dass in Jerusalem alle Gebäude immer mit Meleke, dem weißen Kalkstein, gebaut oder zumindest farblich so verkleidet werden müssen. Das sei auf einen britischen Beschluss von Anfang des 20. Jhd. zurückzuführen und eine der wenigen guten Dinge, die die Briten in Jerusalem veranlasst hätten, wie sie uns erzählte.
Die Stadtführerin war zweifelsohne fit in der israelischen Geschichte und konnte auch die Informationen auch sehr kurzweilig erzählen. Sie war freundlich und schien weltoffen. Gleichzeitig merkte man auch bei ihr an manchen Stellen den Konflikt, der besonders zwischen Juden und Muslimen schwelt. So wies sie bspw. mehrfach darauf hin, dass das jüdische Viertel viel sauberer sei, als das muslimische, obwohl beide gleich oft von der Stadtreinigung besucht würden. Der Fakt an sich stimmte auch. Die Frage war, ob man so oft hätte darauf hinweisen müssen. Spannungen liegen einfach immer in der Luft.
Relativ am Ende unserer Führung gingen wir einen Teil einer wieder ausgegrabenen römischen Prachtstraße entlang, die einige Meter unterhalb des heutigen Straßenniveaus früher wohl die Altstadt von Ost nach West durchzog. Am Ende war es immer wieder das selbe Prinzip: jemand neues erobert die Stadt und drückt ihr nach ein bisschen Zerstörung den eigenen Stempel auf. Schicht um Schicht erzählt von einer neueren Epoche.
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| Teile einer alten römischen Prachtstraße in der Altstadt. |
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| Im armenischen Viertel. |
Wir schlossen unseren Rundgang nach über drei Stunden im armenischen Viertel, wo wir ganz zum Schluss noch über den Genozid an den Armeniern während des ersten Weltkriegs sprachen. Nach über acht Stunden auf den Beinen in der Stadt, war ich zwar immer noch fasziniert von Jerusalem, machte mich dann aber doch langsam auf den Heimweg entlang der Jaffa Straße und dem Markt. Ich bedauerte es ein wenig, im Grunde nur einen Tag für Israels Hauptstadt eingeplant zu haben. Außerhalb der Altstadt hätte ich bspw. gern noch die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, den Ölberg oder das Israelische Nationalmuseum besucht, aber das muss ich mir wohl für meinen nächsten Besuch aufheben. Ziemlich fußlahm kam ich am Abend wieder bei meinem Couchsurfer an und lehnte dankend ab, als er und ein paar Freunde mich fragten, ob ich mit ihnen später in der Nacht noch weggehen wollte. Ich werde halt auch nicht jünger.
Vor der Abreise ging ich Freitag früh noch ein letztes Mal auf den Mehane Yehuda Markt, der keine fünf Laufminuten von meiner Unterkunft entfernt war, um mich mit Brot, Gemüse, Obst und Humus für die Tage am Toten Meer einzudecken. Während ich am Abend flirtende Verkäufer erlebte, die mir Kostproben anboten und meine wunderschönen Augen priesen, wurde ich Freitag Morgen mehrfach ignoriert. Die Obst- und Gemüsehändler quatschten mit anderen Männern, während sie von mir das Geld kassierten und ein Brotverkäufer reagierte gar nicht, als ich ihm sagte, was ich haben wollte. Der Markt lohnt sich aber trotzdem zu jeder Zeit. Ich liebe es einfach, wenn Säcke voller Gewürze zwischen exotischem Obst und Baklawa ein Fest für Augen und Nase bilden.
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Eindrücke vom Mehane Yehuda Markt - dem größten Markt in
Israel mit bis zu 200.000 Besuchern täglich. |
Nachdem ich bei meinem Couchsurfer dann alle meine sieben Sachen zusammengepackt und ihm noch die Kichererbsen für das Abendessen eingeweicht hatte, weil er es am Morgen vergessen hatte, machte ich mich halb elf auf den Weg zur Central Bus Station, um den vorletzten Bus des Tages in Richtung Totes Meer zu nehmen. Da es Freitag war, würde es am späten Nachmittag nämlich keine Busse mehr geben, weil am Abend schließlich der Shabbat beginnen würde und dann gibt es in ganz Israel (Haifa sei wohl eine Ausnahme) keinen öffentlichen Nahverkehr mehr - keine Stadtbusse, keine Überlandbusse, keine Züge. Die meisten Restaurants in streng jüdischen Stadtteilen bleiben ebenso geschlossen und selbst die Flugzeuge der staatliche Fluggesellschaft bleibt in dieser Zeit am Boden. Da Juden von Freitag bis Samstag Abend u.a. keine Knöpfe drücken dürfen, gibt es in großen Gebäuden und Hotels spezielle Shabbat Fahrstühle, die automatisch in jeder (zweiten) Etage halten und von selbst die Türen öffnen und schließen. Die Klimaanlage im Hotel kann man auch auf Shabbat-Modus stellen und in manchen Hotels kann man Samstag vor 18 Uhr auch nicht einchecken. Shabbat ist eine Zeit für sich und man tut gut daran, sich vorher darüber informiert zu haben, was man als nichtgläubiger Tourist in dieser Zeit tun kann und was nicht und auch wo man sein darf und wo nicht. Ein Bekannter hatte mir bspw. empfohlen den Altstadtbereich um Klagemauer und Tempelberg am Freitag zu meiden, weil die Muslime dann ihr Freitagsgebet halten und die Juden zum Shabbat an der Klagemauer beten und es dadurch zum einen noch voller ist als sonst und fotografierende Touristen nicht so gern gesehen sind. Gut vorbereitet wie ich meistens bin, hatte ich Jerusalem deshalb am Donnerstag eingetaktet und plante Freitag und Samstag am touristischen und damit weniger religiös beeinflussten Badeort En Bokek am Toten Meer zu verbringen.
Ich kam dreiviertel elf also an der Central Bus Station an und schaute im Eingangsbereich umher, um mich zu orientieren. Ein Mann mittleren Alters kam auf mich zu und fragte, ob er mir helfen könne. Ich antwortete, dass ich mit dem Bus zum Toten Meer fahren will und wo ich hin muss. Bisher hatte ich alle Menschen in Israel immer als sehr freundlich und hilfreich erlebt. Bei ihm stellte ich fest, dass es wie überall auf der Welt aber immer auch ein paar Menschen gibt, die einem nicht freundlich gesonnen sind. Seine Antwort war nämlich: "Oh, es tut mir leid, aber es fahren heute keine Busse. Shabbat. Sie müssen ein Taxi nehmen." Dabei gestikulierte er bereits in die Richtung, in die ich mit ihm gehen sollte. Statt mit ihm mitzugehen, verarbeitete ich kurz seine Aussage und die entsprechenden Implikationen, antwortete ihm nüchtern "Es gibt Busse," drehte mich um und ging in die andere Richtung. Als ich kurz darauf in der dritten Etage mit vielen anderen Reisenden auf den Bus wartete, fragte ich mich, wieviele ahnungslose Touristen wohl auf die Masche hereinfallen. Taxifahrer, meist muslimisch, weil die Juden im Shabbat eben kein Auto fahren dürfen, verdienen sich Freitag und Samstag an unvorbereiteten Touristen eine goldene Nase, wenn diese von A nach B wollen und feststellen, dass das sonst sehr gut ausgebaute öffentliche Nahverkehrsnetz nicht in Betrieb ist.
Von meinen Erlebnissen am Toten Meer erzähle ich dann im nächsten Eintrag. Abschließend zu Jerusalem bleibt mir nur zu sagen, dass die Stadt auf jeden Fall einen Besuch wert ist und zwar deutlich mehr als nur einen Tag.
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| I love Jerusalem Aufsteller an der Jaffa Straße. |