Montag, 25. September 2017

Schwerelosigkeit erleben...

... kann man für eine Weile im Weltall, für ein paar Sekunden am Stück auf Parabelflügen, beim Tauchen oder bei einem Besuch am Toten Meer. Letzteres durfte ich im August erleben. Wie im letzten Eintrag geschrieben, fuhr ich Freitag Morgen mit dem Bus von Jerusalem zum Toten Meer. An sich war die Fahrt sehr angenehm in einem modernen Reisebus mit Klimaanlage, sauberen und bequemen Sitzen und WiFi. Das Einzige, das fehlte, waren Sicherheitsgurte - und ich hätte bei dem Fahrstil des Fahrers gern einen angelegt. Innerhalb einer dreiviertel Stunde ging es von 800 Metern über dem Meeresspiegel hinab auf 400 Meter unter normal Null.
Die Strecke von Jerusalem zum Toten Meer führt steil bergab.
Hin und wieder sind in den Steinen entlang der Straße die
Höhenangaben vermerkt.
Meist bot sich beim Blick aus dem Fenster nur karge Landschaft.
Ein paar Büsche und Kamele boten eine willkommene Abwechslung.
Noch in Jerusalem kreuzten wir ins Westjordanland. Als Tourist im Bus merkte ich keinen Unterschied. Der Bus fuhr auch lediglich die Hauptstraße entlang. Ein bisschen angespannter soll es teilweise in den größeren Ortschaften wie Bethlehem oder Hebron werden. Allerdings möchte ich mich diesbezüglich nicht in Spekulationen ergehen. Persönlich habe ich mich während meines Aufenthaltes in Israel nie unsicher gefühlt.
Als wir nach einer dreiviertel Stunde und 1.200 Höhenmetern das Nordende des Toten Meeres erreicht hatten, wechselte der Bus von Ost- auf Südkurs. Entlang der Küste fuhren wir vorbei am Qumran Nationalpark. In den dortigen Höhlen wurden vor ca. 70 Jahren mehr als 800 antike Schriftrollen entdeckt, unter denen sich auch die bisher ältesten bekannten Niederschriften aus Teilen der Bibel befinden. Aus Zeitgründen schaute ich mir diesen Ort nur beim Vorbeifahren aus dem Busfenster heraus an. Auch im Oasenort En Gedi reichlich 30 km südlich, wieder außerhalb des Westjordanlandes, blieb ich im Bus. Früher lag dieser wohl noch etwas näher am Toten Meer. Heute ist es zwar auch ein beliebter Ort für Touristen, doch durch die fortschreitende Austrocknung des nördlichen Teils des Toten Meeres, müssen die Touristen mittlerweile ein ganzes Stück laufen, bis sie das Wasser erreichen. Während der Wasserspiegel des südlichen Teils des Toten Meeres durch Ablagerungen von Salzen wohl sogar ansteigt, nimmt der Wasserspiegel im nördlichen Teil kontinuierlich ab (seit den 1980ern um fast einen Meter pro Jahr). Der Jordan wurde über Jahre an vielen Stellen umgeleitet, um bspw. bei landwirtschaftlicher Bewässerung zu helfen. Da dieser den einzigen kontinuierlichen Zufluss zum Toten Meer darstellt, hatte dies auch Auswirkungen auf einen der salzigsten Seen der Welt. Dieser gesunkene Wasserspiegel führte in den letzten Jahren vermehrt zu Senklöchern: sich plötzlich auftuenden Löchern im Boden. An einer Stelle sah ich, dass die Straße von ihrem ursprünglichen Verlauf abwich, da ein Stück der alten Straße im Boden versunken war.
Straßenschilder waren in der Regel dreisprachig: in hebräischer,
arabischer und lateinischer Schrift.
Blick auf den Nordteil des Toten Meeres gen Osten vom Bus
aus. Jedes Jahr sinkt der Wasserspiegel hier weiter.
Nach En Gedi fuhren wir noch an Masada vorbei (mehr zu Masada im nächsten Blogeintrag) ehe wir nach En Bokek kamen - einem kleinen, im Grunde ausschließlich aus Hotels, Restaurants und Geschäften bestehenden Ort am südlichen Teil des Toten Meeres. Dort hatte ich mir für die folgenden zwei Nächte ein Zimmer genommen. Nachdem ich meine Sachen abgelegt und das restliche Humus und Brot vom Markt in Jerusalem genossen hatte, lief ich über die Straße zum Strand. Bei über 40°C im nicht vorhandenen Schatten war ich froh, dass ich nicht allzu weit laufen musste.
Am Strand sah ich einige Touristen, die im Wasser schwebten. Die Meisten hielten sich unter einem von mehreren im Wasser stehenden Pavillons auf, die ein wenig Schatten spendeten. Wirklich schwimmen tat niemand und ich machte auch relativ schnell drei Gründe aus, weshalb: 1) Es war zu heiß, um sich viel zu bewegen. 2) Beim Schwimmen schluckt man potentiell auch mal Wasser und das will man im Toten Meer auf jeden Fall vermeiden, denn bereits kleine Mengen können durch den hohen Mineralien- und Salzgehalt sehr schnell zu ernsten gesundheitlichen Problemen führen. 3) Es ist wirklich schwierig zu schwimmen, wenn es die Extremitäten immer wieder aus dem Wasser herausdrückt.
Wie war nun aber das Schwebeerlebnis? Komisch. Lustig. Ungewohnt. Als erstes machte ich den Anfängerfehler und wollte meine Sandalen bei meinen Sachen stehen lassen und barfuß die letzten Meter über den Sand bis zum Wasser gehen. Das ist keine besonders schlaue Idee, da Sand und Holzstege extrem aufgeheizt sind. Es ist besser mit den Schuhen bis zur Wasserkante zu gehen und die Schuhe direkt dort stehen zu lassen. Als ich dann ins über 30°C warme Wasser watete, hatte ich den Eindruck einen größeren Wasserwiederstand zu spüren, als gewöhnlich. Ob es Einbildung war oder nicht - wer kann das schon so genau sagen. Logisch wäre es, da die rund 33% Salzgehalt natürlich eine höhere Wasserdichte hervorrufen, als in anderen Gewässern (Mittelmeer unter 4% Salzgehalt). Als ich bis zum Bauch im Wasser war, ließ ich mich nach hinten fallen - und im gleichen Moment zog es meine Beine vorn nach oben und ich schwebte im Wasser. Echt cool!
Viel tiefer kommt man auf der Erde trockenen Fußes nicht mehr.
Es funktioniert tatsächlich: ich schwebe!
Nach einer Weile hatte ich mich an den neuen Gefühlszustand gewöhnt und begann ein bisschen zu experimentieren; drehte mich vom Rücken auf den Bauch; sammelte die kiesel- bis faustgroßen Salzkristalle vom Boden auf; beobachtete meine Umgebung und versuchte zu entspannen. Letzteres war gar nicht so einfach wie gedacht, denn bei über 40°C Lufttemperatur und auch über 30°C Wassertemperatur fühlte ich mich bald wie in einem zu heißen Whirlpool und ging schließlich aus dem Wasser, weil es mir zu warm wurde! Draußen nutzte ich eine der Duschen am Strand, um mich mit Süßwasser abzuduschen. Das Salzwasser auf der Haut fühlt sich nämlich seltsam und ungewohnt an: ein bisschen ölig und klebrig, nicht klassisch nass. Am Abend wurde eine Hose von mir mit Salzwasser nass. Ohne sie gut mit Süßwasser auszuspülen ist sie auch nach mehreren Tagen nicht wirklich trocken geworden. Sie blieb leicht feucht - egal, wie lange sie trocknete.
Nach einigen weiteren kurzen Badegängen, schnappte ich mir am Abend meine Kamera und spazierte an der Wasserkante entlang weiter nach Süden bis die Hotels hinter mir lagen und noch weiter nach Süden. Durch ein leichtes Lüftchen und die untergehende Sonne, fühlte sich die Hitze gleich gar nicht mehr so schlimm an. Schlimm fand ich hingegen ein Problem, welches heute fast überall auf der Welt anzutreffen ist: Müll. Reichlich industriell erzeugter, nicht verrottender Müll. Direkt am Badestrand wurde von Zeit zu Zeit der herumliegende Müll eingesammelt aber einerseits wird dabei wohl kaum alles erwischt und landet schließlich doch im Wasser und andererseits schmeißen die Menschen nicht nur am Badestrand ihren Müll achtlos weg. Ich finde es immer sehr traurig, wie die Schönheit der Natur auf diese Weise aktiv und so sinnlos zerstört wird. Eine einzelne Plastikflasche kann ich recht einfach aufheben und angemessen entsorgen, auch wenn sie nicht von mir ist. Bei den Mengen wäre ich aber wohl einige Tage beschäftigt gewesen. Es erinnerte mich an einen Strand auf den Surin Inseln in Thailand.
Wie leider an fast allen Wasserkörpern dieser Welt heutzutage:
An den Wasserrändern werden achtlos weggeworfene Gegen-
stände angespült. Am Toten Meer werden diese dann nach und
nach von einer Salzkruste überlagert, bis der ursprüngliche
Gegenstand unkenntlich ist.
Ich lief noch ein Stück weiter gen Süden und kam an einem Trimmdich-Bereich entlang der Straße vorbei. An sich eine hübsche Idee, aber mir war es dafür einfach zu warm, weshalb ich mich einfach nahe der Wasserkante niederließ und die Stille des Abends genoss.
Bei über 40°C im Schatten, wurde über den Freiluft-Trimmdich-
Bereich ein Sonnensegel gespannt.
Redhead am Toten Meer.

Meine Reisebegleitung auf von Salz überzogenen Steinen.
Blick nach Norden auf En Bokek kurz nach dem Sonnenuntergang.
Die Hitze hatte mich geschlaucht und so fiel ich zeitig ins Bett. Außerdem wollte ich am nächsten Morgen zeitig aufstehen. Sehr zeitig. Zeitiger, als ich normalerweise zu Hause aufstehe, wenn ich auf Arbeit muss. Im ersten Dämmerlicht gegen 5:30 Uhr klingelte mein Wecker. Ich wollte zum Sonnenaufgang am Wasser sein. Kurz vor sechs Uhr überquerte ich die Straße zum Strand und stellte dort fest, dass den künstlich angelegten Palmen oder auch direkt auf den Sand einige Leute übernachtet hatten. Teilweise waren es große Gruppen, die bereits den Abend zuvor zusammen am Strand verbracht hatten. Eine hübsche Idee, wie ich fand. Bei 32°C in der Nacht und garantiert keinem Niederschlag braucht man nichts, um unter den Sternen zu nächtigen. Als ich jedoch ein kleines bisschen näher kam, fand ich es nicht mehr so toll, dass so viele dort übernachtet hatten. Der Boden war übersät mit Müll. Es gibt am Strand zum einen reichlich Mülltonnen und zum anderen sollte man das, was man mitgebracht hat, ja wohl auch wieder mitnehmen können, aber das schien nicht in der Kultur der Besucher verankert zu sein. Es war wirklich ein trauriges Bild.
Große Gruppen hatten die Nacht unter freiem Himmel am Strand
verbracht und wachen gegen 6 Uhr langsam auf.
Die Hinterlassenschaften der Wildcamper - und dabei gibt
es überall reichlich Mülleimer. Ich habe dafür absolut kein
Verständnis. Die Leute kommen, um die Schönheit der Natur
zu bewundern - und verschmutzen alles.
Trotz dieses Negativerlebnisses, war der Sonnenaufgang, für den ich ja gekommen war, am Ende wunderschön. Bereits gegen sechs schimmerte der Himmel über den jordanischen Bergen leicht rosa. Da ich einen unverbauten Blick haben wollte, lief ich zu der kleinen Landzunge mit Pavillon, die man im Bild unten sieht. Ganz vorn war ich am Ende tatsächlich alleine. Die anderen Touristen, die ebenfalls zeitig aufgestanden waren, beobachteten den Sonnenaufgang badend aus dem Wasser heraus. Ich hatte noch nie vorher so viele Menschen früh um sechs schon baden gesehen.
Als die Sonne dann wieder hoch am Himmel stand und die 32°C schnell weiter nach oben trieb, gönnte ich mir zunächst ein reichhaltiges Frühstück und versuchte anschließend trotz Shabbat zur Festung Masada, ca. 15 km nördlich gelegen, zu kommen. Mehr dazu gibt es im nächsten Blogeintrag.
An dem Pavillon hing eine Temperaturanzeige:
früh um 6 vor dem Sonnenaufgang waren
bereits 32°C.
Noch liegen die meisten Touristen in ihren Hotelbetten...
... einige nutzen früh um 6 aber auch die "milden" Temperaturen
um zu baden und dabei den Sonnenaufgang über den Bergen
in Jordanien zu bewundern.
Das zeitige Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt!

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