Sonntag, 1. Oktober 2017

Ein Symbol des jüdischen Widerstands...

... besuchte ich am Samstag. Nachdem ich den Sonnenaufgang über den jordanischen Bergen genossen und anschließend Frühstück gegessen hatte, packte ich knapp drei Liter Wasser, ein bisschen Obst, ganz viel Sonnencreme, Sonnenbrille, Foto und einen Hut gegen die Sonne in meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zur gut 16 km entfernten Festung Masada.
Masada von der Straße aus gesehen.
Am Vortag war ich mit dem Bus bereits an dem Tafelberg vorbeigefahren. Nun war jedoch Samstag und damit Shabbat. Es fuhren keine öffentlichen Busse. Als ich bei den unfreundlichen Mitarbeitern an der Hotelrezeption nach anderen Optionen fragte, sagten diese, dass sie mir ein Taxi für umgerechnet ca. 100€ für Hin- und Rückweg besorgen könnten. Wie erwähnt: eine Strecke beträgt ca. 16 km. Ich lehnte dankend ab und beschloss mich wieder mal auf eigene Faust durchzuschlagen. Ich war keine fünf Minuten auf der Straße, als ein Kleinbus hielt. Es war ein muslimischer Fahrer eines privaten Reiseunternehmens. Nach kurzem Handeln einigten wir uns darauf, dass er mich für umgerechnet ca. 18€ zur Festung fährt. Verglichen mit den 9€, die ich für die Gesamte Strecke von Jerusalem zum Toten Meer bezahlt hatte war dies natürlich immer noch ein Wucherpreis, aber das war es mir in diesem Fall wert, da ich nicht die Gesamte Strecke bei der mittlerweile wieder gleißenden Sonne am Himmel zu Fuß zurücklegen wollte. Zudem kam ich dadurch auch mit einem muslimischen Israeli ins Gespräch und die Gespräche mit den Einheimischen fand ich mit das Spannendste auf meiner Reise. Juden, Muslime, Christen, Drusen - alle haben sie ihre eigene Sicht auf das Land, die Konflikte und deren Ursachen. Eine viertel Stunde später löste ich mein Ticket für die Gondelfahrt hinauf auf den etwa 400 Meter hohen Tafelberg. Es gibt zwar auch den sogenannten Schlangenpfad, der sich an der Ostseite des Berges in die Höhe schlängelt, allerdings war dieser seit 9 Uhr bereits wieder für den Tag geschlossen worden, weil die Hitze schon zu groß war. Der Schlangenpfad öffnet am Morgen bereits 5:30 Uhr und soll so ermöglichen, dass man den Sonnenaufgang vom Gipfel erleben kann. Die Option fand ich zwar auch reizvoll, aber durch die eingeschränkten Transportmöglichkeiten hatte ich mich für den Sonnenaufgang am Strand entschieden.
Blick aus der Gondel den Berg hinauf. Gut zu erkennen ist
der Schlangenpfad.
Fast oben angenkommen Blick von ca. 0 Meter ü.NN. hinab auf
die Talstation der Gondelanlage. Im Hintergrund das Tote Meer.
Aufgrund der extremen Hitze war der Schlangen-
pfad schon wieder gesperrt.
Die Gondelfahrt war natürlich um einiges bequemer als der Aufstieg zu Fuß gewesen wäre und ließ mir genügend Energie, um das etwa 300 mal 600 Meter große Plateau anschließend gute 3,5 Stunden zu erkunden. Die meisten Besucher bleiben nicht so lange. Als Richtwert sind 2 Stunden angegeben und die geführten Gruppen werden noch schneller durchgeschleift, weil diese sich auch hauptsächlich auf die am besten erhaltenen Ruinen des Nord- und Westpalastes konzentrieren. Ich schaute mir allerdings alle 32 auf dem Info-Faltblatt aufgeführten Stationen an und stieg am Südende bspw. auch in eine der riesigen (heute trockenen) Wasserzisternen hinab, die den Bewohnern des Plateaus vor 2.000 Jahren trotz rarer Niederschläge selbst den Luxus eines Schwimmbades, mehrerer Tauchbecken und einer Dampfsauna auf dem Berg ermöglichte. Sehr beeindruckend.
Blick von einem Aussichtspunkt über das Plateau gen Osten.
Hier lebten mal um die 1.000 Menschen.
Besucher in den Ruinen.
Blick aus einem Fenster.
Im Süden war eine Zisterne sehr gut erhalten und zugänglich.
Der Zugang von außen. Die Treppe im inneren. Der Blick vom
Boden der Zisterne zum Ausgang. (v.l.n.r.) - Und das war nur
eine von vielen derartigen Zisternen. Wasser im Überfluss...
... erlaubte auch den Betrieb eines Schwimmbades in dieser
trockenen Landschaft.
An sich lohnt sich ein Besuch in Masada allein wegen der Aussichten auf das gut 400 Meter tiefer gelegene Tote Meer und das jordanische und judäische Gebirge und die Wüste. Für Geschichtsinteressierte bietet die Festung aber noch sehr viel mehr. Das Meiste der heutigen Hinterlassenschaften wurde ab 40 v.Chr. beauftragt durch Herodes gebaut. An der Nordseite, an der immer eine leichte Brise weht, entstand der größte Palast, der sich über mehrere Etagen im und am Berg erstreckte. Rings um das Plateau wurde eine Kasemattenmauer angelegt. Um Belagerungen standhalten zu können, gab es zudem viele Vorratskammern und wie schon erwähnt wurden auch mehrere riesige Wasserzisternen gegraben, die wohl in der Lage gewesen sind, insgesamt mehrere zehntausend Kubikmeter Regenwasser zu speichern. Um das Wasser aus den raren Regenfällen möglichst effektiv aufzufangen wurden auch Aquädukte gebaut. In meinen Augen zeichnet sich Masada durch einige baulich planerische Meisterleistungen aus.
Panoramablick vom Felsen in Richtung Jordanien. Gut erkennbar
sind im Vordergrund u.a. der Beginn des Schlangenpfades und
die Reste zweier römischer Belagerungscamps.
Die Berge gen Süden.
Ein Modell des Tafelbergs mit dem
ausgeklügelten Wassersystem.
Nahaufnahme eines Teilstücks eines in den Berg gehauenen Aquäduktes.
Blick auf den Nordpalast und Reste eine Aquäduktes.
Überblick über große Teile der obersten Etage des Nordpalastes.
Original erhaltene Säulen und Malerein auf
der untersten Ebene des Norpalastes.
Einige Jahrzehnte nach Herodes‘ Tod eroberten jüdische Rebellen den Tafelberg und errichteten weitere Gebäude, die ein autarkes Leben unterstützen sollten – bspw. eine Bäckerei, ein Taubenhaus für Dünger und Frischfleisch, Wohnhäuser oder eine Synagoge. Vieles davon ist heute noch (teilweise) zu sehen. Schön bei der Restauration finde ich, dass es in Gebäuden, die teilweise wieder aufgebaut wurden, Markierungen gibt, bis zu denen eine Wand wirklich noch stand und ab wo die Archäologen Hand angelegt haben.
In den Lücken der Wand sollen Tauben gehalten worden sein.
Sie dienten als Nahrungsquelle und die Ausscheidungen
dienten als Dünger für Anpflanzungen auf dem Berg.
Im Westpalast sind teilweise noch Mosaike von
vor 2.000 Jahren erhalten.
Durch den dunklen Strich gut zu erkennen ist,
bis wohin die Mauern noch standen, und was
die Archäologen wieder ergänzt haben.
Noch mehr Mosaike und Wandmarkierungen.
Ein Tor an der Westseite des Palteaus.
73 n.Chr. begannen die Römer schließlich eine Belagerung Masadas, um den Rebellenstützpunkt auszulöschen. Reste der römischen Belagerungscamps sind heute auch noch erhalten. Als die Römer (manche Berichte sprechen von bis zu 10.000 Soldaten und Sklaven) durch das Aufschütten einer Belagerungsrampe an der Westseite des Berges mit ihrem Belagerungsgerät immer näher an die Mauern Masadas kamen, beschlossen die knapp 1.000 Bewohner des Tafelberges sich lieber selbst umzubringen anstatt über kurz oder lang in die Hände der Römer zu fallen und versklavt zu werden. Aus diesem kollektiven Selbstmord, dem sich nur zwei Frauen und ein paar Kinder entzogen, resultiert die heutige Verehrung der Festung Masada als Symbol des jüdischen Widerstandes. Es gibt in Israel die geflügelte Aussage, dass Masada nie wieder fallen darf und die jüdische Flagge auf ewig über diesem Tafelberg wehen muss. Natürlich ist dies wieder die spezielle jüdische Sichtweise, aber auch ohne den identitätsstiftenden Bezug finde ich die geschichtlichen Ereignisse sehr interessant.
Blick durch ein Fenster auf die Belagerungs-
rampe von Westen.
Die Römer nutzten eine natürliche Rampe und bauten diese aus,
um näher an die Festung auf dem Berg heranzukommen.
Reste der römischen Belagerungscamps. Rechts das Camp
wurde auf den damaligen Grundrissen nachgebaut.
In den folgenden Jahrhunderten scheint die Bedeutung der Festung nicht mehr so groß gewesen zu sein. Im 5. und 6. Jh. lebten Mönche auf dem Berg und bauten u.a. eine Kirche neu. Auch von dieser ist heute noch eine Ruine erhalten. Mitte des 20. Jh. entdeckten schließlich die Archäologen das Gebiet und waren entzückt über all die erhaltenen Zeugnisse von vor 2.000 Jahren. Mittlerweile ist Masada ein wichtiges touristisches Ziel am Toten Meer und meiner Meinung nach auf jeden Fall einen mehrstündigen Besuch wert. Es macht Spaß sich vorzustellen, wie der Ort vor 2.000 Jahren mit Alltagsleben gefüllt war. Heute wird er neben Touristen auch von Gesellschaften besucht, die die Bar Mizwa eines Familienmitglieds an diesem historischen Ort feiern wollen.
Bar Mizwa Zeremonie unter einem schattenspendenden Dach
an einem historischem Ort am Toten Meer. Der Junge und die
engere Famlie war extra aus New York angereist.
Kurz bevor ich das Plateau verlassen wollte, hatte ich noch einmal Glück im Unglück. Beim laufen bemerkte ich auf einmal einen Schmerz an der rechten Fußsohle und nahm den Fuß sofort reflexartig nach oben statt normal aufzutreten. Ich musste feststellen, dass durch die Sohle meiner Sandale ein etwa 4 cm langer Nagel ragte. Nach einem initialen „Ach du scheiße!“ überwog dann die Erleichterung, dass dieser am Fuß selbst nur eine geschlossene Blutblase hinterlassen hatte und nicht durch die Haut durchgegangen ist. Es war für mich trotzdem ein Zeichen die brütende Hitze 33 Meter über normal Null zu verlassen und zum Hotel zurück zu fahren. Wieviel Wasser ich in den dreieinhalb Stunden getrunken hatte, kann ich nicht sagen. An verschiedenen Orten gab es Wassertanks, an denen man seine Flaschen mit kühlem Nass nachfüllen konnte. Wie schon in der Altstadt von Jerusalem nahm ich diesen Service dankbar an.
Zum Hotel zurück kam ich mit einer russischen Familie, die ich auf dem Berg getroffen hatte. Wir kamen ins Quatschen und so kam eins zum anderen und sie nahmen mich in ihrem Auto mit. Egal, wo man auf der Welt ist: die allermeisten Menschen sind immer freundlich und hilfsbereit. Das macht Couchsurfen, trampen und ähnliches immer zu solch tollen Erlebnissen.
Versalzene Sandalen durch das Wandern am Toten Meer.
Nach einer kurzen Entspannung im klimatisierten Hotel ging ich natürlich noch ein paar Mal ins warme Wasser des Toten Meeres und genoss das Schweben. Geschafft von Sonne, Hitze, zeitigem Aufstehen und Laufen fiel ich am Abend wieder zeitig ins Bett. Am nächsten Morgen klingelte auch der Wecker bereits wieder 5:30 Uhr. Nach einem weiteren Sonnenaufgang und einem ausführlichen Frühstück packte ich meine Sachen zusammen und fuhr mit dem Bus durch das Wesjordanland, über Jerusalem nach Haifa. Sonntagabend begann schließlich bereits die Konferenz, für die ich nach Israel gereist war.
Salzklumpen bedecken den Sand im Wasser am Badestrand.
Dafür lohnt sich zeitiges Aufstehen.
Abschied vom En Bokek.
Blick aus dem Busfenster auf den Kanal, der den südlichen
und nördlichen Teil des Toten Meeres verbindet.
Ein letzter Blick auf das Tote Meer, ehe es wieder 1.200
Höhenmeter bis nach Jerusalem hoch geht.

Das Westjordanland zwischen Jerusalem und Totem Meer
entlang der Hauptstraße.

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