... besuchte ich letzte Woche im Rahmen einer Konferenz zu Verständnis und Modellierung komplexer dynamischer Systeme. Mit reichlich 120.000 Menschen lebt mehr als jeder dritte Einwohner Islands in Reykjavik. Betrachtet man die Region Reykjavik, leben sogar 2/3 aller Isländer in dem Ballungsraum. Etwa gleich viele Menschen leben in Rostock - nicht besonders viele für deutsche Verhältnisse. Es ist nicht verwunderlich, dass es in vielen Gegenden Islands wahrscheinlicher ist auf einen der jährlich über 2 Millionen ausländischen Touristen zu treffen, als auf einen Isländer. Ich habe die Woche über in einem privat vermieteten Zimmer gewohnt und so ein paar Kontakte zu den Menschen vor Ort abseits von Mitarbeitern im Servicebereich gehabt, was sehr angenehm war, um ein bisschen über Land und Leut zu erfahren. Wir redeten über Klischees und tatsächlich typisches Essen (Stichworte Schafskopf, Hammelhoden und fermentierter Grönlandhai), Folklore (Stichworte Elfen und Trolle), Traditionen, Politik, Bürokratie und Tourismus (Stichworte Islands größte Volksfeste, strikte Namensliste für Babynamen, gemütliche heiße Quellen) und was uns sonst noch in den Sinn kam.
Die Konferenz selbst ging über viereinhalb Tage und ließ an zwei Nachmittagen Zeit, um die Stadt ein wenig zu erkunden. Ich wohnte relativ zentrumsnah und konnte in einem Umkreis von gut drei Kilometern alles erlaufen. Bis zur Universität von Island waren es für mich genauso 15 Minuten zu Fuß wie zum alten Hafengebiet. Am Nachmittag meines Ankunfttages zog es mich zunächst zum Hafen. Nicht zu übersehen ist dort das Konzerthaus Harpa, das durch seine wabenstrukturartige Glasfassade auffällt. Je nachdem, wie das Licht auf die Glassegmente fällt, schimmern diese in unterschiedlichen Farben wie glänzende Fischschuppen.
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| Das Konzerthaus Harpa vom Wasser aus betrachtet. |
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| Entlang der Promenade findt sich u.a. die Skulptur Sonnenschiff. |
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| Ein hübsch hergerichteter alter Segler. |
Naturgemäß ist der Hafen auch der Ausgangspunkt für diverse Bootsfahrten. Besonders beliebt sind Walbeobachtungstouren. Da es durch den Zyklon in Neuseeland nicht mit einer Walbeobachtungstour geklappt hatte, entschied ich mich so ziemlich genau auf der gegenüberliegenden Seite der Erde noch einmal mein Glück zu probieren. Es war kühl (Temperaturen in der Woche zwischen 8 und 15°C) und sehr windig - aber auf einem Schiff fühle ich mich einfach immer pudelwohl. Mit Stirnband, Kapuze, Schals, Handschuhen, zwei Hosenlagen und drei Lagen am Oberkörper hatte ich mich außerdem gut vorbereitet. Das Walbeobachtungsunternehmen verlieh an die weniger ausgerüsteten Besucher auch warme winddichte Overalls.
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| Warm eingepackt auf dem Boot. |
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| Blick auf die Bucht von Reykjavik. |
Wir sahen auf der etwa dreistündigen Fahrt einige Wale, wobei bis auf die Sichtung eines halb aus dem Wasser springenden Buckelwals die Beobachtungen deutlich weniger spektakulär waren, als es immer auf den Hochglanzwerbefotos aussieht. Wir sahen wirklich viele Zwergwale - oder zumindest deren gekrümmten Rücken, wenn sie kurz zum Luft holen die Oberfläche durchbrachen. Wir lernten zudem, dass es hilfreich ist, nach Seevögeln Ausschau zu halten. Da, wo sehr viele auf engem Raum auf dem Wasser saßen, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass kurz darauf ein Wal die Wasseroberfläche durchbricht und dabei alle Seevögel aufgeregt nach oben wegfliegen. Zu den Seevögeln gehörten natürlich zu allererst ganz viele Möwen, aber auch Papageientaucher (Puffin auf Englisch) sahen wir reichlich. Ich verliebte mich sofort in diese knuffigen, kompakt gebauten und beim losfliegen leicht unbeholfen wirkenden Vögel mit ihrem farbenfrohen Schnabel und auffällig orangenen Füßen. In jedem Touristenladen gab es auch Papageientaucher zu kaufen - als Kuscheltier, Schlüsselanhänger, Tassenaufdruck, Glasuntersetzer und allerlei andere Dinge, auf die man ein Abbild des Vogels drucken konnte. An meinem letzten Tag in Island sollte ich den Papageientauchern an der Südküste noch einmal richtig nah kommen.
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Vor dem anderen Whale Watching Boot sieht man gerade noch
den Wal wieder im Meer verschwinden. |
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Oben links erkennt man gut die Hallgrimskriche und Warmwasser-
speicher Perlan mit seiner Glaskuppel. In der Mitte und rechts
unten sieht man Bug und Heck unseres Bootes. Die anderen Bilder
zeigen Seevögel. Sitzen viele auf einem Haufen, deutet das auf Fisch-
reichtum und einen ggf. demnächst an der Stelle auftauchenden Wal.
Die knuffigen Vögel unten links sind Papageientaucher (Puffins)
und absolute Lieblinge bei Isländern und Touristen gleichermaßen. |
Sonntag und Montag waren zwei sehr sonnige Tage und so hoch oben im Norden geht um dieses Jahreszeit die Sonne immer noch sehr spät unter. Nachts halb zwölf ist es relativ dämmrig dunkel, 22 Uhr noch richtig hell. Für den Biorhythmus finde ich das anstrengend, aber zum durch die Stadt spazieren natürlich sehr praktisch.
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Der Teich "Tjörnin" (wörtlich "Teich") im Zentrum von
Reykjavik. Hinter mir befindet sich das Rathaus. |
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| Isländische Kunst am Tjörnin. |
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Die Hallgrimskirche steht auf einem Hügel und
stellt mit ihren knapp 75 Metern Höhe und der
modernen Architektur eins der bekanntesten
Wahrzeichen Reykjaviks dar. |
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| Ein paar peinliche Touristenfotos müssen auch sein. |
Die Konferenz selbst fand in der Universität von Island statt. In Reykjavikg gibt es auch noch die Universität von Reykjavik und eine Kunstakademie. Insgesamt gibt es in Island sieben Hochschulen - für gerade einmal 350.000 Einwohner eine hohe Anzahl. Die 1911 gegründete Universität von Island ist dabei mit Abstand die Älteste, Größte und Renommierteste.
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| Posterpräsentation auf der System Dynamics Conference 2018. |
Während meiner Woche in Island fand auch gerade Reykjavik Pride statt - DAS Festival für die Schwulen-, Lesben- und transsexuelle Gemeinschaft in Island, dass jährlich auch tausende heterosexuelle Besucher anzieht. Die ganze Woche über finden überall in der Stadt kleine und große Veranstaltungen statt, die mit dem Malen eines rießigen Regenbogens auf einer der zentralen Straßen Reykjaviks offiziell beginnt und am folgenden Samstag mit einer großen Parade ihren offiziellen Höhepunkt feiert. Interessant fand ich, wie die ganze Stadt in diese Pride-Woche einbezogen ist: neben dem Konzerthaus am Hafen waren Regenbogenfahnen gehisst; im Universitätsshop wurden Regenbogengegenstände verkauft; Schaufensterpuppen in Bekleidungsgeschäften waren mit Regenbogenketten dekoriert und vieles mehr. In Deutschland habe ich so eine Gesamtgesellschaftliche Anteilnahme an dem Thema noch nie bemerkt.
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| Jeder kann beim Malen des Regenbogens mithelfen. |
Am Ende des letzten Konferenztages in Island schlenderte ich am Nachmittag von der Universität gen Süden bis ich auf diesem Weg wieder das Meer erreichte und folgte der Uferpromenade bis zur Nauthólsvík - einer kleinen Bucht mit goldgelbem, aus Markokko importiertem Sand. In der künstlich angelegten Lagune vereinigen sich das Wasser des Meeres und durch Erdwärme erwärmtes Wasser, was über Hotpools ebenfalls in die Lagune fließt. Auf diese Art und Weise erreicht das Wasser in der Bucht ganzjährig eine Temperatur zwischen 15 und 19°C und läd zum Baden und Schwimmen ein. An sonnigen und warmen (d.h. in Island 20°C und mehr) Tagen soll der Strand ein wahrer Besuchermagnet für die Bevölkerung sein. Als ich ihn besuchte, war es recht bewölkt und windig, so dass nur wenige Personen im Wasser der Lagune waren. Die Meisten saßen entspannt im (lauwarmen) Hotpool. Eine Beobachtung, die ich in Reykjavik immer wieder machte und wahrscheinlich gut zwischen Tourist und Einheimischen unterscheidet war, dass man gleichzeitig Menschen in kurzen Hosen und T-Shirt sehen konnte und direkt daneben liefen Menschen mit dicken Jacken, Mützen und Handschuhen. Die Ansicht fand ich zum Teil sehr amüsant.
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Uferpromenade mit hübschen Häusern nahe dem Inlandsflughafen
in Reykjavik. |
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| Blick auf Hotpool und die Badebucht von Nauthólsvík. |
Richtig kalt wurde es im Perlan Museum. Auf dem Hügel Öskjuhlíð unweit des Strandes befindet sich ein alter Heißwasserspeicher, der seit letztem Jahr auch ein Museum beherbergt, in dem u.a. eine künstliche Gletscherhöhle geschaffen wurde. Da ich nicht die Möglichkeit haben würde eine echte Gletscherhöhle zu besuchen, nahm ich an einer kurzen Führung durch diese künstliche, aber nicht weniger beeindruckende Gletscherhöhle teil. Um das Kunstwerk möglichst lange zu erhalten, wird das Innere auf -10°C gekühlt, was deutlich kälter ist, als es in einem echten Gletscher wäre. Der kurze Rundgang war sehr informativ und interessant.
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| Umgeben von Eis bei -10°C. |
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Die Gletscherhöhle zeigt verschiedene Natur-
phänomene, wie bspw. Gletscherspalten. Die
einzelnen dunklen Schichten entstehen durch
Ascheablagerungen infolge von Vulkanausbrüchen
auf Island und lassen eine zeitliche Datierung zu. |
Neben dem Thema der Gletscher (natürlich inklusive der Auswirkung der globalen Erwärmung auf die Gletscher Islands), spielten Vulkane und seismische Aktivitäten eine große Rolle in der Ausstellung zu den Naturwundern Islands. Bereits in einem anderen Museum hatte ich dazu einiges gelernt. So unterscheidet man bspw. zwischen hoch-thermal-aktiven und niedrig-thermal-aktiven Zonen. Letztere werden für die Gewinnung von Energie genutzt. Erstere bringen das Feuer der Erde in Form von Vulkanen, Geysieren und ähnlichem an die Erdoberfläche. Im Durchschnitt bricht in Island etwa alle vier bis fünf Jahre ein Vulkan aus. Erdbeben sind an der Tagesordnung - allerdings in der Regel so schwach, dass man sie als Mensch gar nicht wahrnimmt. Auf einer offiziellen Webseite von Island kann man sich anschauen, wo es in den letzten 48 Stunden wie stark gebebt hat. Island ist das Land von Eis und Feuer.
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Auf der isländischen Wetterseite gibt es nicht nur Informationen
über Sonne, Regen und Temperaturen, sondern auch über die
Erdbeben der letzten 48 Stunden (Foto), Lawinen, vulkanisches
Gas, Meereseis und andere interessante Dinge. |
Von den Dächern des Wärmespeichers Perlan kann man einen tollen Rundumblick auf Reykjavik und die umliegenden Berge und das Meer genießen.
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| Aussichtsplattform vom Perlan mit Blick gen Südwesten. |
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Wenn ich dann abends zurück in das Apartment kam, wurde ich
in der Regel schon von Freja begrüßt und um eine Streichel-
einheit gebeten. |