Freitag, 30. August 2024

Ulriken...

 ... heißt der höchste der sieben Berge von Bergen und ragt 643 Meter aus dem Meer. Der Name stammt laut einem wohlbekannten Onlinenachschlagewerk vom altnorwegischen Alrek und bedeutet "der Raum Einnehmende." Es gibt verschiede Routen, wie man auf den Gipfel kommt. Die verbreitetsten sind eine bequeme rund fünfminütige Fahrt mit einer Gondel der Ulriksbanen für umgerechnet 24€ in eine Richtung oder der Aufstieg ab der Jugendherberge Montana über die Sherpa-Treppen. Ich hielt mich grob an die zweite Option. Statt mit dem Bus bis zur Jugendherberge zu fahren, stiefelte ich jedoch eine Stunde meine ersten 4km durch die Stadt und hatte an der Talstation der Ulrisbanen bereits meine ersten knapp 100 Höhenmetern geschafft.

Auf geht's! Das Ziel sah ich bereits
von der Innenstadt.

Als ich die Årstad kirke passierte, hatte ich den
Großteil der Strecke durch die Stadt bereits hinter
mir gelassen.
Am Fuße des Ulriken befindet sich ein großes
Krankenhaus und direkt daneben ein Friedhof,
der eine entspannte Ruhe ausstrahlte.
An der Talstation der Ulriksbanen.
Hier begannen die offiziellen Wanderwege.

Kurz hinter der Talstation führten einige Treppen vorbei an einem erfrischenden Wasserfall und weiter hinauf. Treppen und Wege wechselten sich zunächst noch ab. Bis zur Jugendherberge erklomm ich so weitere rund 70 Höhenmeter. Nachdem ich also bereits rund 250 Stufen und diverse schräge Anstiege in den Beinen hatte, wies mich ein Schild darauf hin, dass nun der Sherpa-Aufstieg zum Ulriken beginnen würde - 1.333 Stufen. Steil und platzsparend. Die Natursteintreppe wurde wirklich von tibetanischen Sherpas angelegt und 2019 fertig gestellt, um einen schnellen und sicheren Aufstieg zum Ulriken zu ermöglichen.

Dieser schöne Wasserfall plätscherte
unweit der Talstation der Ulriksbanen.
Schönheit liegt auch im Detail.
Kleine Stärkungen wuchsen direkt am Wegesrand.
Bio, lokal und super lecker. Genuss mit Ausblick.
Hier fühlte ich mich schon fast wie die Königin
der Welt. Doch bis zum Gipfel lagen noch einige
Treppenstufen vor mir.
Zwar war es eine schweißtreibende Angelegenheit die Stufen hinauf zu gehen, aber tatsächlich auch relativ komfortabel mit dieser gut angelegten, breiten Treppe. An den meisten Stellen konnte problemlos gleichzeitig jemand hoch und jemand anderes runter gehen - oder natürlich ein sportlicher Norweger von hinten einen mäßig schnellen Touristen überholen. Einige NorwegerInnen nutzen den Auf- und Abstieg über die Sherpatreppen als leichtes Workout nach einem Arbeitstag im Büro.
Bergenpanorama vom Berg.
Geschafft. Pünktlich mit einem leichten Schauer
erreichte ich das Ende der Treppen.

Ich hatte keinen festen Plan, was ich machen wollte, nachdem ich es zum Gipfel geschafft hatte. Den gleichen Weg zurück? Mit der Gondel ins Tal fahren? Zuvor einfach eine Weile den Ausblick genießen? Noch eine andere Route wandern? Ich entschied mich für letzteres, noch immer ohne festen Plan, aber schon mit der Idee im Hinterkopf einen anderen Weg zurück ins Tal auszuprobieren, den ich auf einer Wanderkarte nahe den Toiletten der Bergstation gesehen hatte.

Einmal oben auf dem Ulriken und ein paar Meter weg von der Bergstation der Seilbahn war ich plötzlich fast allein und hatte das Gefühl wirklich in den Bergen zu sein. Dabei war die Großstadt nur wenige Kilometer entfernt. Die Vegetation ist karg. Schafe grasen zwischen den Felsen und ihre Glocken klingeln, wenn sie sich bewegen. Kleine Pfützen, Teiche oder auch Seen liegen wie über die Berge gestreute Streusel in der Landschaft. Ähnlich willkürlich waren hin und wieder einzelne Hütten vertreut zu sehen. Ich liebe die norwegische Landschaft!

Ökologische Landschaftspflege.
Eine Pause darf auch mal sein.
Einfach schön.
Es gibt so viel Wasser in Norwegen.
Hier eine Hütte, da eine Hütte.
Noch eine Pause. Ich kann mich an dem
Panorama einfach nicht satt sehen.
Nun musste ich mich entscheiden: Wo wollte
ich den Abend noch lang gehen?
Sofern man mit der Gondel fährt, kann man dieses
Panorma 20 Minuten nach Verlassen des Groß-
stadttroubels genießen. Innere Ruhe vom Feinsten.

Zunächst gab es noch ein paar wenige andere Wanderer, die eine kleine Runde über den Berg drehten und sich dann wieder an den Abstieg über die Treppen oder Gondel machten. Nach einer viertel Stunde war hinter mir jedoch nur noch eine Mutter mit ihren beiden Kindern im Alter von geschätzt 8-12 Jahren. Ich war nicht ganz sicher, ob ich auf dem von mir angedachten Weg war, denn die auf der Karte (die ich lediglich in abfotografierter Form bei mir hatte) eingezeichneten Wege waren als solche wie in den norwegischen Bergen üblich nur noch vage als solche zu erkennen. Das deutlichste Zeichen, dass man sich auf einem offiziellen Wanderweg befand stellten die in unregelmäßigen Abständen aufgeschichteten Steinpyramiden dar. Ich fragte also die Frau, ob sie eine Einheimische aus Bergen sei, was sie bejahte. Ich erzählte ihr meinen Plan, dass ich über Trolldalen und Isdalen hinab zum Svartediket See gehen wollte und fragte, ob sie dies auch vorhätten. Sie verneinte letzteres und meinte, dass sie mit den Kindern über die Bergkette Vidden zum noch rund 12km entfernten Fløyen gehen wollte. Es war kurz vor 18 Uhr! Ich meinte, dass das noch ziemlich weit sei. Die Mutter bejahte und meinte, dass sie sich beeilen müssen.

Von meinem Plan riet sie mir ab. Der Weg sei zu steil. Ich bedankte mich und ließ die Familie weiterziehen. Dann überlegte ich, was ich tun solle. Zu steil? Es wäre aber wohl kaum als Wanderweg auf einer Karte eingezeichnet, wenn es nicht machbar wäre. Sicherheitshalber doch umkehren und die Treppen wieder hinab? Ich entschied mich für den steilen Weg. 

Die Kennzeichnung des Wanderwegs über den
Bergrücken erfolgt anhand der Steinpyramiden.

Der See war in der Ferne zu erkennen und
Steinpyramiden deuteten darauf hin, dass dies
der eingezeichnete Weg sein musste.

Der erste Abschnitt Trolldalen war beeindruckend schön. Oberhalb der Baumgrenze schweifte mein Blick geradeaus in die Ferne. Links und rechts stiegen Felswände empor. Der Weg, welcher selten sichtbar war, führte entlang des gen Tal strömenden Wassers. Ohne vorher zu wissen, ob ich richtig liege, wäre ich denselben Weg wohl kaum nach oben gelaufen. Beim Abstieg dachte ich mir, dass die Richtung stimmt und ich irgendwann am See Svartediket ankommen müsse. Gelegentlich sah man dem Boden an, dass in der Vergangenheit immer wieder Menschenfüße genau diesen Pfad gegangen sein mussten, denn hin und wieder konnte man einen Pfad erahnen. Etwas mehr Sicherheit gaben mir die von Zeit zu Zeit aufgetürmten Steinpyramiden. Der rationale Verstand sagte mir, dass dies ein Weg zurück ins Tal sei. Es schlichen sich jedoch auch Gedanken ein, die mich darauf hinwiesen, dass um diese Uhrzeit niemand anderes mehr diesen Weg laufen würde und ich nur mal unglücklich auf einen losen Stein aufkommen müsse, um ein abruptes Ende meiner Wanderung zu erleben. Es ist definitiv besser zu zweit zu wandern. Ich sandte zur Sicherheit meine Koordinaten und weitere geplante Route an meinen Mann und bat ihn sich bei den Behörden zu melden, sofern ich mich bis 23 Uhr nicht aus dem Hotel gemeldet hätte. Sicher ist sicher. 

Irgendwann erreichte ich die Baumgrenze und von dort an konnte ich zwar nicht mehr so schön in die Ferne blicken, aber dennoch erkannte ich einfacher, was der Weg sein sollte. Nach einiger Zeit traf ich sogar auf ein paar Holzstege, die nun unverkennbar als Weg über den morastigen Untergrund führten. Als ich die Holzstege erreichte, dachte ich mir, dass ich es nun geschafft habe und entspannte, lief leichtfüßig weiter - und stürzte. Das Holz war alt, nass und glitschig und ich war unachtsam geworden. Nach diesem Weckruf lief ich wieder etwas vorsichtiger, bis ich durch das Unterholz auf 125 Metern Höhe auf einen befestigten, befahrbaren Weg traf. Von dort waren es noch etwa dreieinhalb Kilometer auf fast gleichbleibender Höhe um den Svartediket See herum zurück bis zu asphaltierten Straßen und Häusern, also bis zur Zivilisation. Auf dem Weg um den See traf ich dann auf diverse Jogger, Radfahrer und Hunde-Gassi-Geher, die eine abendliche Runde liefen oder radelten. Ich konnte also Entwarnung geben, dass ich wieder unter Leuten war.

Holzstege halfen, dass ich nicht direkt
im Morast versank. Sie waren dennoch
glitschig und defintiv nicht TÜV geprüft. ;)

Immer schön hydriert bleiben!
Der Trinkwasserstausee Svartediket.
Unweit vom Ende des Wanderwegs gab es eine Bushaltestelle. Statt weitere drei Kilometer bis zurück zum Hotel zu laufen, gönnte ich mir für den (vor)letzten Abschnitt der Reise eine Busfahrt bis in die Nähe des Stadtparks. Auf dem Torgallmenningen, einem zentralen Platz in Bergen, flanierten Touristen wie Einheimische, ein Straßenkünstler spielte Musik und die ganze Atmosphäre lud zum Verweilen ein. Also lauschte ich noch eine Weile dem Straßenkünstler und beobachtete das Treiben um mich herum, bevor ich den letzten halben Kilometer zum Hotel lief und mir dort den Luxus des Aufzugs gönnte, um zu meinem Zimmer in der 6. Etage zu kommen ohne noch mehr Treppenstufen zu laufen. Es tat gut, die Wanderschuhe auszuziehen und die Beinmuskulatur etwas zu dehnen. Aus der Kalten heraus 15 km mit 650 Höhenmetern hoch und wieder runter zu laufen habe ich zu Beginn meines Auslandssemesters in Norwegen 2012 zwar auch gemacht, aber einerseits war ich da noch jünger und vor allem auch trainierter. Natürlich war es eine tolle Tour und ich zehre noch immer von den Erinnerungen. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mal fitter war. Meine Wanderschuhe haben ihren ersten Stresstest nach der Neubesohlung jedenfalls erfolgreich überstanden und warten nun auf weitere Einsätze.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen