... kann als ein Ort beschrieben werden, an dem sich Mythos und Natur so eng verweben, dass man manchmal nicht mehr weiß, ob man gerade durch eine Landschaft wandert oder durch eine Geschichte. Takachiho ist einigen Quellen nach mythologisch einer der wichtigsten Orte Japans. In der Vergangenheit soll es mehr als 500 Schreine in diesem Gebiet gegeben haben.
Zentral gelegen und von uns zuerst besucht liegt der rund 1.900 Jahre alte Takachiho Schrein. Beim Betreten des Shrine-Geländes, also beim Durchschreiten der Tori, tauchten wir direkt in eine beruhigende Stille ein. Zumindest ein Teil dieser Atmosphäre ist den riesigen, jahrhundertealten Zedern zu verdanken, die sich wie schützende Wächter über den Weg und den eigentlichen Schrein neigen. Der Schrein selbst ist ein typischer Shintō-Schrein: ein Ort, an dem die Kami – die Götter oder spirituellen Kräfte Japans – verehrt werden. Die Götter in Japan sind tief mit Naturphänomenen verbunden: Bergen, Flüssen, Bäumen... Dieser Ehrfurcht vor und Verbundenheit mit der Natur kann man sich nicht entziehen und das möchte ich auch gar nicht. Das japanische Götterverständnis, soweit ich es verstehe, resoniert mit meinen Empfindungen jedenfalls deutlich mehr als die abgehobenen "allmächtigen" Gottheiten der drei großen Weltreligionen.
Jeder Schrein in Japan ist unterschiedlichen Gottheiten gewidmet. Beim zentralen Takachiho Schrein waren es wohl die Gottheiten der Landwirtschaft, Ehe und Reinigung. Mein Mann und ich vollführten das Ritual, welches für Glück und Harmonie in der Beziehung und Reichtum und Wohlstand für unsere Nachkommen steht. Zwei der unzähligen mächtigen Bäume auf dem Gelände gelten als die "verheirateten Zedern" (Meoto Sugi). Unterirdisch sind die Bäume an ihren Wurzeln miteinander verwachsen, was die enge Bindung zwischen Ehepartnern symbolisiert. Überirdisch sind sie zudem durch ein Shimenawa verbunden. Shimenawa sind heilige, meist aus Reisstroh geflochtene Seile im Shintoismus, die den Übergang von der profanen zur göttlichen Welt markieren. Sie hängen an Schreinen, Tori-Toren, Bäumen oder Felsen, um deren Heiligkeit zu kennzeichnen, böse Geister abzuwehren und die Anwesenheit von Göttern zu symbolisieren. Die beiden Felsen im Meer vor der Itoshima Halbinsel, die als Couple Stones bekannt sind, werden bspw. ebenfalls durch ein Shimenawa verbunden und sind somit keine gewöhnlichen Felsen mehr. Bei den verheirateten Zedern in Takachiho will es der Brauch, dass Paare sie dreimal gemeinsam Händchen haltend umrunden, um Glück und Harmonie in ihre Beziehung zu halten. Haben wir gemacht!
Die Kinder vergnügten sich in der Zwischenzeit mit der Bemalung von Emas. Ema sind kleine Holztafeln, die in shintoistischen Schreinen (und teilweise auch buddhistischen Tempeln) in Japan genutzt werden, um Wünsche, Gebete oder Dankesworte an die Götter zu richten. Auf einer Seite sind sie i.d.R. mit Bildern mit Bezug zum jeweiligen Schrein bedruckt. Besucher schreiben ihre Anliegen auf die leere Rückseite und hängen die Tafeln am Schrein an dafür vorgesehenen Holzgerüsten auf, in der Hoffnung, dass die Götter sie erhören. Die kleinen Tafeln werden für einen festen Betrag gekauft und werden aktiv zur Kommunikation der eigenen Wünsche genutzt. Was wir in Takachiho nicht, aber in Dazaifu gemacht hatten, war (für einen geringeren Betrag) kleine Zettel mit einer Vorhersage zu kaufen. Diese kleinen Zettel nennen sich Omikuji und weissagen ein großes Glück oder Unglück oder etwas dazwischen. Diese kann man auch an dafür vorgesehene Leinen oder Äste am Schrein knoten. Im Normalfall stecken die Japaner gute Orakelsprüche in die Tasche und nehmen sie mit, damit das Glück einen im Alltag begleitet und die Vorhersage in Erfüllung geht. Ungünstige Prophezeihungen werdenhingegen fast immer am Schrein festgeknotet. Damit überlässt man das Pech den Gottheiten an dem heiligen Ort, damit es nicht an einem selbst hängen bleibt. Da man solche Bräuche natürlich immer drehen und wenden kann, wie man sie braucht, kann man jedoch auch gute Prophezeihungen festknoten, um die Verbindung zur Gottheit zu stärken und sie zu bitten, dass das versprochene Glück auch wirklich eintritt.
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| Ema am Takachiho Schrein. |
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Der Schrein inmitten von jahrhunderte alten Zedern. 
Die Kinder malen und schreiben ihre Wünsche auf
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Die verheirateten Zedern umrundeten
wir drei Mal im Uhrzeigersinn.
Neben dem Takachiho Schrein gibt es am Rande von Takachiho noch den weithin bekannten Amanoiwato Schrein und die Amanoyasukawara Höhle in der sich acht Millionen Götter getroffen haben sollen. Der Ort ist Schauplatz eines zentralen Mythos der japanischen Kultur. Es ist der Mythos über die Sonnengöttin Amaterasu. Diese zieht sich nach einem heftigen Streit mit ihrem Bruder Susanoo (dem Sturmgott) tief gekränkt in die Felshöhle Amano Iwato zurück und verschließt den Eingang. Da sie die Sonne verkörpert, versinkt die Welt augenblicklich in völliger Dunkelheit und Chaos bricht aus. Um sie wieder hervorzulocken, versammeln sich acht Millionen Götter in der Höhle Amanoyasukawara und schmieden einen Plan: Sie hängen einen Spiegel vor den Eingang und feiern ein lautes Fest. Die Göttin Ame-no-Uzume tanzt so wild und humorvoll, dass die Götter in schallendes Gelächter ausbrechen. Neugierig geworden, lugt Amaterasu hervor. Als sie ihr eigenes strahlendes Spiegelbild sieht, ist sie so fasziniert, dass sie einen Schritt nach draußen macht, woraufhin die Götter sie ganz heraus ziehen und die Höhle mit einem heiligen Seil (Shimenawa) versiegeln. So kehrte das Licht in die Welt zurück.
erklärt er den Ursprung natürlicher Phänomene wie einer Sonnenfinsternis. Zudem begründet er religiöse Riten wie den rituellen Tanz Kagura, von dem ich im nächsten Blogbeitrag berichten werde, und das Aufhängen von Shimenawa-Seilen. Als zweites legitimiert der Mythos die kaiserliche Linie, denn die Sonnengöttin Amaterasu gilt als eine Urahnin des japanischen Kaiserhauses. Die Geschichte bezeugt folglich die göttliche Herkunft der Familie. Der Spiegel, in welchm Amaterasu sich beim Blick aus der Höhle selbst erblickte, stellt eins der drei Throninsignien Japans dar. Zum Dritten thematisiert der Mythos den Kreislauf von Ordnung, Chaos und der Wiederherstellung der kosmischen Harmonie durch Gemeinschaft und Freude.

Trotz einiger Besucher entlang des Weges hatte der
Ort etwas magisches, beruhigendes. 
Hier hätte ich eine Weile einfach nur bleiben und
sein können
Der Weg zur Höhle in welcher sich die acht Millionen Götter getroffen haben sollen führt durch einen bemosten Wald und über einen kleinen Flusslauf. Je näher man zur Höhle kommt, umso mehr Steinpyramiden säumen den Weg und rings um die Höhle selbst kann man abseits des Weges nicht laufen, ohne auf eine der kleinen Steinpyramiden zu treten. Man kann, unabhängig von der Größe, so viele Steine aufschichten, wie man möchte. Zum Abschluss obenauf kann man noch ein Geldstück legen. Das symbolisiert eine Opfergabe an die Götter und soll helfen, dass diese einem zuhören.
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| Die Amanoyasukawara Höhle. |
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| Der Fluss bringt immer wieder neue Steine für Steinpyramiden mit. |
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| Es herrscht eine besondere Atmosphäre in und um die Höhle. |
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| Das ist ein Ort wie gemacht für Mythen. |
Wir wollten den 'göttlichen' Tag damit beenden einem Kagura-Tanzzeremoniell im Takachiho Schrein beizuwohnen. Da diese erst abends 20 Uhr begannen, fuhren wir zunächst noch zur Kunimigaoka Aussichtsplattform, um von dort den Sonnenuntergang zu betrachten. Wir erreichten den Parkplatz am gut fünfhundert Meter hohen Aussichtspunkt leider ein paar Minuten zu spät. Beim Einparken sah ich gerade noch die Sonne hinter einer Bergspitze verschwinden. Wir nutzten die Zeit dennoch, um den Aussichtsbereich im Dämmerlicht zu erkunden. Vom Kunimigaoka Viewing Point blickt man über die umliegenden Berge Takachihos bis zum Mt. Aso. Bei gutem Wetter kann man ein weites Panorama aus Hügeln, Tälern und (bei den richtigen Wetterverhältnissen besonders besonders am frühen Morgen im Herbst) ein berühmtes Wolkenmeer (Unkai) betrachten. Wir entspannten auf dem Berg, ehe wir zurück in den Ort fuhren für die Kagura Tanzaufführung im Takachiho Schrein.
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| Mehrere Schaukeln rings um den Kunimigaoka Aussichtspunkt boten Gelegenheit zu einem entspannt verspielten Betrachten der Landschaft. |
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| Einige Götterstatuen am Aussichtspunkt. |
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| Der Sonnenuntergang taucht den Himmel in warmes Licht, die blühende Zieraprikose im Vordergrund bringt ebenfalls Farbe in die Szenerie. |
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