Sonntag, 14. Oktober 2012

Erstens kommt es anders...

... und zweitens als man denkt... Heute Abend wollte ich keinen Blogeintrag schreiben, sondern schön am gemütlichen Kaminfeuer in der Studenterhytta sitzen. Für eine Weile klappte das ja auch ganz gut, aber dann hieß es doch wieder mitten in der Nacht 13 Kilometer zurück ins Pflegeheim strampeln, wo ich nun nicht ganz so zufrieden mein Dasein friste.
Gegen frostige Frische gewappnet.
Der Wettervorhersage entsprechend begann der Tag wolkenlos und sonnig und damit entsprechend frostig. Warm eingepackt schwang ich mich kurz nach 10 auf mein Radl und fuhr erst hübsch den Fjord zum Fluss hinab, um mich anschließend wieder auf 500 Höhenmeter hoch zu quälen. Ich bin Kraftsportler. Sieben Kilometer bergan Fahrrad fahren fällt nicht unter die Art von Sport, die mir richtig viel Spaß macht. Irgendwann schnaufte ich dann so langsam im ersten Gang vor mich hin, dass mich ein Jogger überholte. Warum ich das hier schreibe? Der Fairness halber. Schließlich erwähnte ich auch, als ich per Fahrrad ein Auto überholt habe. Das hat dem Ego gut getan. Der Jogger heute nicht so sehr. Allerdings tröstete ich mich mit den zwei Tatsachen, dass er Norweger war und die ohnehin alle die Berge auf und nieder rennen und ich zweitens einen großen, vollgepackten Rucksack auf dem Rücken und er nur ein paar Klamotten am Leib hatte.
Sei es drum. Je höher ich kam, umso kälter wurde es auch. In Norwegen merkt man 500 Höhenmeiter schon ungemein. Dennoch war der Schnee von Mittwoch bis auf in ein paar schattigen Ecken durch das sonnige Wetter erst einmal wieder weggetaut. Auf dem 710 Meter hohen Vassfjellet, den wir letzte Woche Freitag bestiegen hatten und den man von der Studenterhytta in der Ferne sehen konnte, lagen noch Schneereste und auf den noch höheren und weiter entfernten Bergkuppen im Landesinneren wird es bis nächsten Juni wohl nicht mehr schneefrei sein.

Trondheim.
Die Stundenterhytta war bei dem genialen Spätherbstwetter natürlich gut besucht und für das Pancake Dinner 15:30 Uhr waren alle 60 Plätze ausgebucht. Gemeinsam mit zwei anderen freiwilligen Helfern bereitete ich alles für das große Essen vor. Die Köchin legte in der Zwischenzeit letzte Hand an die Eierkuchen und Suppe. Etwa eine halbe Stunde vor Essenbeginn gab es ein paar Probleme mit dem Wasser. Anscheinend die Pumpe. Beim Einlass hatten wir dann auch Probleme mit dem Kartenlesegerät, so dass alles ein wenig chaotisch und langsamer vorwärts ging, als es hätte sein sollen. Am Ende verließ jedoch jeder die Hytta mit kugelrundem Bauch oder setzte sich verträumt vor das Feuer und wir hatten immer noch um die 60 Eierkuchen und ein wenig Suppe übrig.
Nachdem das ganze Geschirr gesäubert und an seinen Platz zurück gestellt war, machte ich einen kleinen Verdauungsspaziergang bis zur Spitze des Gråkallen, auf dem die zwei Radarkugeln tronen. Die Sonne ging so langsam unter und tauchte wieder einmal alles in wunderschöne, warme Farben. Halb sieben war ich zurück in der Hytta, um zu sehen, ob für das Abendbrot Hilfe nötig war. Da es schon wieder Wasserprobleme gab (sprich: kein Wasser aus der Leitung - weder in der Küche, noch in den Toiletten, noch in den Duschen für die Leute, die gerade aus der Sauna kamen), wurde das Abendbrot jedoch eine Stunde nach hinten verschoben. Augenscheinlich war das Wasserreservoir der Hytta leergepumpt worden und musste nun erst wieder aufgefüllt werden.
Mit den anderen Hyttevakten (Freiwilligen) setzte ich mich also ins gemütlich warme Kaminzimmer und spielte Karten. Als ich aus dem Schuppen nebenan Feuerholznachschub holte, rollte das angekündigte Feuerwehrauto den Schotterweg hinauf, dass per Schlauch die Zisterne wieder auffüllen sollte. Wir begannen das Abendbrot vorzubereiten. Während die Pizza im Ofen buk dann die traurige Nachricht: wahrscheinlich gibt es ein Leck in einer der Leitungen. Nach wie vor kein Wasser. Die Hütte würde noch die Nacht geschlossen werden und auf unbestimmte Zeit zu bleiben. Alle müssten heim fahren. Och nö! Nachdem die erste emotionale Enttäuschung gewichen war, rückten die praktischen Probleme in meinen Fokus. Bis in der Stadt wieder Straßenlampen den Weg erleuchten würden, lagen fünf Kilometer dunkle Straße mitten im Wald vor mir. Auch wenn ich nicht geplant hatte, im Dunkeln zu fahren, hatte ich zwar mein Headlight dabei, aber dessen Leuchtkraft reicht eher, um im Dunkeln nicht zu stolpern, als bergab Fahrrad zu fahren. Ein weiterer Deutscher, der ebenfalls mit dem Fahrrad da war, teilte mein Problem, nur dass er noch nicht einmal eine Taschenlampe hatte. Für die rund 15 geplanten Übernachtungsgäste wurde ein Sammeltaxi bestellt, welches mit knapp 20 Plätzen eher einem kleinen Bus glich und in das locker zwei Fahrräder hineingepasst hätten. Der Fahrer lehnte jedoch ab. Sehr hilfsbereit... Während drei Jungs noch die letzten Sachen in der Hütte zusammenräumten und alles abschlossen, machten wir zwei Deutschen uns auf unseren zwei Fahrrädern und mit einem Headlight mit angezogenen Bremsen auf den Weg zurück nach Trondheim. Zu zweit war die Situation irgendwie ganz lustig. Nach wenigen Minuten kam ein Auto von hinten. Es blendete auf, fuhr schön langsam und blieb hinter uns. Da hatten wir unsere Straßenbeleuchtung. Fuhr sich super! Nur meine Fingerkuppen wurden trotz Handschuhen mit der Zeit sehr frostig. Beim bergan strampeln auf der Ostseite des Nidelva wurde mir jedoch wieder warm. Zu warm. Bei kalten Temperaturen macht das ständige bergauf, bergab nicht wirklich Spaß. Wenn man sich rollen lässt, kann man gar nicht dick genug eingemummelt sein, aber wenn die eigenen Muskeln bergauf erneut auf Hochturen arbeiten, kommt man ständig verschwitzt ans Ziel. Das Leben ist hart.

Danke für die Karte aus der Türkei - wenngleich das ein wenig geschummelt war! ^^

2 Kommentare:

  1. Sehr schöne Fotos!
    „Hyttevakten“ klingt ja fast wie Artefakt – und damit sehr alt :-)
    In Deutschland gibt es neben headlights noch eine andere praktische Erfindung: Licht am Fahrrad, meist betrieben von einem Dynamo, was gerade bergab wunderbare Effekte – sprich Helligkeit auch im Dunkeln – erzeugt.
    Und: einen ganzen Sonntag für den Hauptzweck des Aufenthalts gewonnen ;-)

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  2. lol, habe schon mal von Dynamos gehört. Allerdings habe ich auch schon feststellen müssen, dass diese neumodischen Teile gern mal durchbrennen, wenn man sich den Berg runter zu rollen lässt und dann ist man auch wieder ohne Licht...
    Bezüglich Sonntag: Ich hatte mir norwegische Vokabeln mit auf die Hütte genommen!

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