Montag, 19. November 2012

Herz oder Verstand...

... hieß es gestern Nachmittag gegen 14 Uhr. Ich bin ein rational denkender Mensch. Der Verstand hat gesiegt.
Die Wettervorhersage versprach ein trockenes und teilweise sonniges Wochenende. Klang nach guten Voraussetzungen für eine kleine Wanderung. Während wir am Donnerstag noch überlegten, wo wir wandern könnten, stellten wir fest, dass viele Cabins der Uni für dieses Wochenende noch zu mieten waren. Wir suchten uns eine Hütte aus, die wir früher schon einmal ins Auge gefasst hatten und buchten diese ganz entspannt Donnerstagabend. Da es eine kleine, gut an die Umgebung im Wald angepasste und damit schwierig zu findende Hütte war und es auf 63° nördlicher Breite mittlerweile 16 Uhr dunkel ist, fuhren wir am Samstag mit dem frühest möglichen Bus nach Klæbu (südöstlich von Trondheim) und begannen acht Uhr die mit sechs Stunden kalkulierte Wanderung. Zunächst ging es entlang der Straße und dann weiter auf Waldwegen, die zu Beginn noch breit und mit vereisten Autospuren überzogen waren, bis sie nach und nach schmaler wurden. Gegen elf entschieden wir uns an einer Weggabelung bewusst für den zunächst von West nach Ost verlaufenden Weg, der näher am See entlangführte, statt dem strikt nach Süden führenden. Bei beiden müssten wir früher oder später den Fluss Tangvolla kreuzen, um zu unserer Hütte zu gelangen. In der Hüttenbeschreibung war der südlichere Weg aufgeführt, aber da die Karte auf dem von uns gewählten, am See verlaufenden, Weg einen von Westen kommenden Pfad zeigte, der auf der Ostseite des Flusses, an dem eine Hütte eingezeichnet war, weiter nach Osten verlief, sahen wir kein Problem darin den Fluss an dieser Stelle zu queren und somit länger am See Selbusjøen entlang zu laufen. Wir liefen entspannt, stoppten hier und da und machten Fotos.
Selbusjøen
Die Fahrspuren bildeten eine blanke Eisbahn.
Die 'Hexe' schien im Urlaub gewesen zu sein.
Ein Hänsel-und-Gretel-Hexenhäuschen.

Auf dem Weg zum Fluss.
Nach einer reichlichen Stunde Wanderung erreichten wir den Fluss, an dessen anderer Seite wir die Hütte stehen sahen. Was wir nicht sahen, war eine Brücke. Wir liefen das Ufer ein Stück auf und ab, fanden jedoch keine von Menschenhand errichtete Hilfe,  um den Fluss zu überqueren. Also folgten wir dem Fluss ein wenig stromaufwärts, um eventuell eine Stelle aus zu machen, an der wir den Fluss entlang größerer, im Wasser liegender Steine überqueren könnten. Da sich das Tal nach ein paar hundert Metern merklich verengte und keine Flussaue, in der man hätte laufen können mehr vorhanden war, standen wir vor der Wahl: Schuhe aus, Hose hochkrempeln und durchwaten oder umkehren und den anderen Weg nehmen. Auch wenn uns die Aussicht auf kaltes Wasser bei Lufttemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nicht sonderlich in Entzücken versetzte, beschlossen wir dies zu versuchen - immerhin ging der Weg zur Hütte auf der Ostseite des Flusses weiter. Als ich den Fluss zu einem Drittel überquert hatte, mir das Wasser mittlerweile bis an die Knie schwappte und die Strömung an den Beinen immer mehr zerrte, beschlossen wir es nicht auf ein Vollbad ankommen zu lassen und kehrten um. Nachdem wir wieder in unsere Socken und Schuhe geschlüpft waren, eilten wir zügig den Pfad bis zur Weggabelung zurück. Zum Einen wärmte der schnelle Schritt die klammen Glieder und zum Zweiten hatte uns die Suche nach einer möglichen Flussquerung viel Zeit gekostet. Dazu kamen die 'umsonst' gelaufenen Kilometer. Kurz vor 14 Uhr erreichten wir die Weggabelung und dann hieß es: Herz oder Verstand? Das Herz wollte nach Lynhøgen. Der Kopf spielte die Szenarien der Hüttensuche im Dunkeln durch und dass wir die Hütte im Wald im Dunkeln - oder allermindestens im schummrigen Zwielicht - würden suchen müssen war mit drei Stunden Zeitverzug sicher. Niemand von uns mochte die Idee umzukehren, denn es klang so sehr nach aufgeben, aber der Verstand sagte ganz deutlich, dass umkehren die rationale Entscheidung war. Wir wollten weder die Notfallhelikopterrettung in Anspruch nehmen müssen,  noch uns eine böse Erkältung kurz vor den Prüfungen einfangen, noch ungünstig treten und sich im besten Fall den Knöchel verstauchen, noch missgelaunt zwei Stunden dasselbe Waldgebiet nach der Hütte durchkämmen. Kurzum: der Verstand siegte - und der Verstand hatte auch gleich eine Alternative zur wirklichen Heimkehr parat: die Studenterhytta in Bymarka, den Bergen westlich von Trondheim. Diese würde ich auch bei kompletter Dunkelheit finden.
Nach der getroffenen Entscheidung stärkten wir uns mit heißem Tee, belegtem Brot und Schokolade, bevor es zurück nach Klæbu ging, wo wir kurz nach sechs den Bus zurück nach Trondheim nahmen, um dort nach der dreiviertel Stunde Fahrt, die als Pause gedient hatte, die letzten fünfeinhalb Kilometer kontinuierlichem Bergauflaufens in Angriff zu nehmen. Kurz nach halb neun, und damit über zwölf Stunden nach Wanderbeginn am Morgen, erreichten wir die Studenterhytta in Bymarka.
Auch eine nette Hütte - ein wenig eng und zugig für die Nacht,
aber für die Mittagspause ideal.
Blick über den See gegen vier Uhr nachmittags.
Heute brachen wir ohne große Hast nach einem reichhaltigen Frühstück auf. Von der Studenterhytta wanderten wir bei strahlendem Sonnenschein zum See Lian, von wo wir die einzige Straßenbahn, die es in Trondheim gibt, zurück in die Stadt nahmen.
Guten Morgen Sonnenschein!
Beim Aufbruch am späten Vormittag.
Auch hier war ein Gruppenfoto vor der Hütte möglich. ;)

Die Schatten sind bereits früh elf Uhr lang.
(Erkennt ihr die Krabbe an der Wand? ^^)
Sonnen ohne Sonnenschutz möglich.

See Lian mit Trondheim im Hintergrund.
Die Straßenbahn.

2 Kommentare:

  1. Nur so mit Karte lossteuern ist auch nicht schlecht... würde da glaube nur mit GPS raus in die Wildnis :D

    Aber gut dass ihr umgedreht seid, ist sicher nicht lustig in der Nacht bei Minusgraden draußen rumzuwandern und verzweifelt eine kleine Hütte zu suchen.
    (b)

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  2. Prinzipiell finde ich Karte und Kompass stilechter, teilweise hilfreicher (bigger picture) und ausreichend, aber nachts wäre GPS wahrscheinlich schon sinnvoll. Kann man sich nur leider nicht ganz so einfach ausleihen.

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