Sonntag, 12. April 2020

Verrückte Zeiten...

... erleben wir derzeit alle auf der Welt. Laut John Hopkins Universität haben derzeit (Stand 12.04.2020) 185 Länder bzw. Regionen auf der Welt mind. einen Corona Fall offiziell registriert. Insgesamt gibt es weltweit mittlerweile über 1,8 Millionen bekannte Fälle und jedes Land und jede Region und zum Teil jede Stadt hat ihre eigenen Vorschriften erlassen, wie sie auf die Situation reagieren. Keine der Reaktionen ist erfreulich. In der Regel bedeuten bestätigte Corona-Fälle Abschottung, Isolation, Einschränkung des öffentlichen Lebens und persönlicher Freiheiten und insgesamt eine Regelflut, die wahrscheinlich keiner mehr durchblickt und die sich hier und da entsprechend wohl auch widerspricht.
Besonders vor Ostern fragten sich viele, ob und wenn ja wen sie über die Feiertage sehen dürfen. Darf man die Eltern, Kinder, Schwester, Bruder oder gar Großeltern besuchen? In Deutschland gelten ein paar allgemeine Regeln, aber jedes Bundesland und teilweise jede Gemeinde stellen dazu noch ihre eigenen Regeln auf, die teilweise durch Gerichte in Eilverfahren konkretisiert werden. So ist in Sachsen bspw. körperliche Betätigung (vorzugsweise allein) an der frischen Luft im Wohnumfeld erlaubt. Was aber bedeutet Wohnumfeld? Kurz vor Ostern wurde dies per Gerichtsentscheid auf einen 10-15 Kilometer großen Radius um die Meldeadresse herum definiert. Von Dresden aus darf man also nicht in die Sächsische Schweiz oder den Tharandter Wald zum Wandern fahren. Statt den rund 557.000 Menschen die Möglichkeit zu geben sich in der Natur zumindest ein bisschen aus dem Weg zu gehen, dürfen die Landeshäuptstädter also nur eng zusammengepfercht im Großen Garten oder entlang der Elbe spazieren gehen (Ja, ich schreibe bewusst etwas provozierend.)
Besuchsrechte im Familienkreis werden in den Bundesländern auch unterschiedlich gehandhabt. Eine besondere Kuriosität wurde kurz vor Ostern vom mdr aufgedeckt:
  • Eine Leipziger Familie, die die Oma in Halle besuchen will, darf das nicht.
  • Eine Familie aus Halle, die die Oma in Leipzig besuchen will, darf das nicht.
  • Eine Familie aus Erfurt, die ihre Oma in Halle besuchen will, darf das.
  • Wenn die Erfurter Familie aber eine Oma in Erfurt hat, darf sie die nicht besuchen.
Wer wundert sich da, dass viele Menschen immer genervter sind von all den Corona-Regeln? Es reicht außerdem nicht, dass jeder seine eigene Regel-Suppe zu kochen scheint. Selbst in einer Region werden die Regeln ständig geändert und das leider nicht immer nachvollziehbar. So fanden bei uns in Dresden Wochenmärkte vor drei Wochen noch relativ normal statt. Vor zwei Wochen waren sie dann verboten, während Supermärkte mit dem Verweis auf die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln weiterhin offen hatten. Nachdem es einen gewissen Aufschrei gegeben hatte, warum Obst und Gemüse aus Spanien in den Supermärkten verkauft werden darf, Obst und Gemüse von regionalen Erzeugern auf Wochenmärkten jedoch nicht, öffneten die Wochenmärkte vor einer Woche wieder. Die Anzahl der Stände war deutlich reduziert und überall wurde auf den 'gesunden Abstand' von zwei Metern verwiesen. Diese Woche wurden die Regeln weiter verschärft. Der größte Dresdner Wochenmarkt an der Lingnerallee wurde flächenmäßig vergrößert und gleichzeitig komplett mit Bauzäunen eingezäunt. Es gab offiziell nur einen bewachten Eingang und reingelassen wurde man nur mit Mundschutz. Wer ohne Mundschutz kam, erhielt vor Ort einen. Ich überlegte lange, ob ich mir das noch antun will, ging dann aber doch. Noch nie habe ich den Wochenmarkt so leer gesehen. Anscheinend hatten viele wenig Lust auf die zunehmende Schikane, die deutlich strenger ist als in jedem Supermarkt. 
Mundschutzpflicht auf dem - ziemlich leeren - Dresdner
Wochenmarkt.
Niemand möchte nahe Angehörige oder Freunde verlieren - egal ob durch Corona oder etwas anderes. Wir alle möchten die Menschen, die uns am Herzen sind, schützen und Corona tötet. Corona tötet relativ schnell, vor allem alte Menschen und Vorerkrankte. Dadurch, dass COVID-19 so eine auf den ersten Blick sichtbare Wirkung (Infektion - Erkrankung - ggf. Tod) entfaltet, sieht sich die Welt zu drastischen Maßnahmen verpflichtet, die eben jene sichtbare Wirkung zu unterbinden versucht. Abschottung, Einschränkungen von Rechten und Freiheiten, Isolation. Doch nicht nur das Virus tötet und bedroht unser Leben.
Einsamkeit tötet, jedoch langsamer als das Virus direkt. Einsamkeit frisst sich besonders durch die Seelen von alten und alleinstehenden Menschen und Menschen nach Schicksalsschlägen, die körperliche Wärme und Zuspruch anderer besonders dringend benötigen. Einsamkeit lässt Lebenswillen schwinden und tötet schleichend und ohne positives Testergebnis.
Isolation gefährdet und kann töten - unter anderem Babys, Kinder, Jugendliche und Frauen in schwierigen Familienverhältnissen. Ohne sichtbaren Kontakt zur sozialen Außenwelt, fehlen Kontrollinstanzen und Möglichkeiten sich in heiklen Situationen aus dem Weg zu gehen. Psychische und physische Misshandlungen bleiben unentdeckt.
Abschottung gefährdet Freundschaften, Toleranz gegenüber anderen und immer mehr Existenzen. Steigende Suizidraten können teilweise COVID-19 Maßnahmen zugerechnet und indirekt auf die Corona-Toten aufaddiert werden.
Letztes Jahr war das Jahr von Fridays for Future. Auf der ganzen Welt protestierten vor allem junge Menschen für ihre Zukunft, die sie durch den Klimawandel bedroht sehen. Die Folgen des Klimawandels töten. Nur deutlich langsamer als Corona und eher die heute Jungen als die heute Alten. Corona ist neu und plötzlich da und die Welt steht Kopf. Die Bedrohungen des Klimawandels sind seit Jahrzehnten bekannt und doch wurden einschneidende Maßnahmen meist mit Verweis auf die Wirtschaft abgelehnt. Fast schade, dass der Klimawandel nicht so schnell und sichtbar tötet wie Corona.
Auch ich möchte meine Liebsten und Freunde schützen, um noch viele glückliche Jahre mit ihnen zu verbringen. Allerdings haben wir mehr Probleme als die direkte Gefahr durch das neuartige Coronavirus und nicht alle bekommen die gleiche Aufmerksamkeit in der Politik.

Bleibt gesund und frohe Ostern.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen