Sonntag, 1. Mai 2016

Endlich Ruhe...

... war ein Gefühl, das bei uns in der letzten Woche in den USA aufkam. Per Bus waren wir am 5. März (ja, ich bin ein bisschen in Schreibverzug) nach Worcester, MA gefahren, wo uns eine Freundin von mir abholte, die auf einer Farm westlich von Boston arbeitet und wo wir die zweite Woche großteils verbringen wollten. Jemanden vor Ort zu kennen ist unbezahlbar. Man ist gleich viel weniger Tourist und erlebt vieles deutlich authentischer. Unser Urlaubshighlight war deshalb auch das Sammeln von Ahornsaft und dessen Einkochen zu Ahornsirup. Wir kaufen heutzutage so viele Lebensmittel, ohne zu wissen, wie sie eigentlich hergestellt werden. Bei ökologisch hergestelltem, 100%igem Ahornsirup kenne ich den Herstellungsprozess jetzt aus erster Hand.
Mit einem Pickup auf dessen Ladefläche diverse Eimer, zwei große  Plastikfässer und verschiedenes Werkzeug gelagert waren, fuhren wir zu verschiedenen Grundstücken, auf denen große Ahornbäume standen. In die Bäume waren meist zwei Metallzapfhähne eingeschlagen, die auch über einen Metallhaken verfügten, an dem ein silberner Metalleimer hing, in den der Ahornsaft tropfen konnte. Allgemein sollten Bäume erst ab einen Alter von etwa 40 Jahren und einem bestimmten Stammumfang zur Ahornsirupgewinnung genutzt werden. Das Wetter spielt bei der Ahornsaftgewinnung auch eine entscheidende Rolle und damit meine ich nicht Regen, Sonnenschein oder Wind, sondern die Temperaturen. Im Idealfall hatten die Bäume über den Winter eine mehrwöchige Ruheperiode, in denen die Temperaturen durchgängig im Minusgradbereich waren. Die Ahornsirupsaison beginnt dann im meist im späten Januar wenn Nachts Frost ist, aber tagsüber die Sonne das Thermometer auf über null Grad Celsius steigen lässt. Dann nämlich beginnen die Bäume die in den Wurzeln gespeicherte Stärke hinauf zu den Ästen zu transportieren und das ist der Zeitpunkt, in der der Mensch den Saft abzapfen will. Ist es auch tagsüber frostig, fließt kein Saft. Ist es zu warm, wird der Saft gelblich und muss weggeschüttet werden, will man die gute Qualität erhalten. Im Idealfall ist der Ahornsaft direkt aus dem Baum kommend nämlich kristallklar.
Diese Temperaturrestriktionen erklären auch, weshalb die sogenannte "Sugaring-season" je nach Jahr nur vier bis acht Wochen anhält. Ein Baum kann innerhalb eines Tages einen der auf den Fotos abgebildeten Metalleimer zum Überlaufen bringen, was einer Saftmenge von ca. 4 Litern entspricht, oder aber leer bleiben. Interessant fanden wir auch, dass der Inhalt der beiden Eimer vom selben Baum sehr unterschiedlich ausfallen kann: einer kann fast voll, der andere fast leer sein oder in dem einen findet sich eine kristallklare, in dem anderen eine dunkelgelbe Flüssigkeit. Das Ahornsaftsammeln ist natürliche Landwirtschaft mit all seinen Unwägbarkeiten, die die Pflanzen und das Wetter und möglicher Weise Schädlingsbefall mit sich bringen.
Ahornbäume mit je 2 Eimern zum Auffangen des Ahornsafts.
Ein Deckel hält groben Schmutz von oben fern.
Da wir in der zweiten Märzwoche teilweise tagsüber Temperaturen bis zu 20°C hatten, war es auch die letzte Woche, in der noch Ahornsaft gesammelt wurde und wir mussten häufig den Inhalt der Eimer wegschütten, da es farblich oft Urin glich. Der Sammelprozess sah nun so aus, dass wir mit dem Pickup zu einem Gelände mit mehreren angezapften Bäumen fuhren, uns große weiße Eimer von der Pickup Ladefläche griffen und dann von Baum zu Baum gingen und den Inhalt der Metalleimer in die weißen Eimer umschütteten, mit denen wir zurück zum Pickup gingen und dort den Inhalt der weißen Eimer in zwei große blaue Fässer schütteten, die so gesichert waren, damit sie beim Fahren nicht umfielen und den kostbaren Saft verschütten. Am Ende fuhren wir zurück zur Farm, wo die Weiterverarbeitung begann.
Ein halbvoller Eimer mit
klarem Ahornsaft.
So ist die traditionelle Sammelweise des Saftes und vor allem auch dann sinnvoll, wenn man nicht 50 Bäume auf einem Haufen stehen hat. Die großen, industriellen Produzenten verbinden die Bäume direkt mit Plastikschläuchen (statt Eimer an die Zapfhähne zu hängen), so dass der Saft von vielen Bäumen an einer zentralen Stelle gesammelt wird. Das spart Laufarbeit, ist natürlich aber auch ungünstig, wenn bspw. ein Baum dunkelgelben Saft absondert, was dann nicht gleich auffällt und ggf. eine größere Menge Ahornsaft verunreinigt.
Glasklarer Saft ist ideal. Je gelber die Flüssigkeit wird, umso
eher muss man sie wegkippen.
Zurück auf der Farm kippten wir den Inhalt aus den blauen Fässern wieder in die weißen Eimer (die Farben sind übrigens für den Prozess irrelevant ^^) und trugen den Ahornsaft zum sogenannten Verdampfer (evaporator). In einem großen Metallbecken, welches über einer Kammer ist, in der ein Holzfeuer lodert, findet die erste Einkochstufe statt. Bereits dort erhält der spätere Ahornsirup seine charakteristisch braune Farbe, die durch Karamelisierung des Zuckers entsteht. Da eins der Ziele der Farm auf der wir waren die Bildung der Bevölkerung bezüglich natürlicher landwirtschaftlicher Prozesse ist, stand der Verdampfer gut zugänglich auf einer überdachten Terrasse im Freien, so dass Besucher beim Eindampfprozess zuschauen konnten und den Ort zu finden war nicht schwer, denn sobald der Ahornsaft einmal in seinem Becken brodelte und daraus Nebelschwaden emporstiegen, roch es in der gesamten Umgebung des Verdampfers zuckersüß nach Ahornsirup.
Die Flüssigkeit, die dort am Ende in große Kochtöpfe abgefüllt wurde, war noch deutlich dünnflüssiger als klassischer Ahornsirup. Die endgültige Einkochstufe erfolgte dann in einer klassischen Großküche auf der Farm, weil dort die Temperatur deutlich besser kontrolliert werden kann, als im holzbefeuerten Ofen und die Temperatur ist durchaus wichtig, denn ist sie zu niedrig, bleibt der Sirup zu flüssig und ist nicht so lange haltbar. Ist es jedoch zu heiß, bilden sich zu viele Zuckerkristalle und die Konsistenz verändert sich erneut, was nur gewünscht ist, will man bspw. Ahornzuckerbonbons oder -butter herstellen. Es war interessant, nacheinander den klaren Saft, dann die erste Einkochstufe und am Ende den fertigen Sirup zu probieren. Für einen Liter Sirup benötigt man übrigens etwa 40 Liter Saft - in manchen Jahren auch mehr. Den fertigen Sirup genossen wir natürlich am nächsten Morgen stilecht bei einem Blaubeer-Pancake-Frühstück.
Die Ausbeute aus den Eimern von den Bäumen wird in 2 großen
Fässern auf dem Pickup gesammelt.
Die erste Einkochstufe erfolgt im Verdampfer auf
der Farm im Freien, so dass jeder zuschauen kann.
Der Arbeit Lohn genossen wir am nächsten Morgen stilecht
mit Blaubeer-Pancakes. Der Sirup ist in der Tasse links.
Neben dem erholsamen Arbeitseinsatz genossen wir die Zeit auf der Farm und in deren Umgebung bei Wanderungen durch Wälder und entlang von Seen; ließen das "klassisch amerikanische" Flair der weiten Wege mit einzelnen Holzhäusern ohne Zäune an der Grundstücksgrenze entlang der breiten Straßen auf uns wirken; schnitten für das Abendessen auf der Farm biologisch angebaute Möhren, Kartoffeln, Rüben, rote Beete und Kohlrabi, die wir zuvor aus dem Gemüsekeller nebenan geholt hatten und bestaunten die ersten zwei Lämmer, die in dem Jahr geboren worden waren. Dabei lernten wir, dass die natürlich Farbe von frisch geborenen Lämmern (wir sahen sie nach nur einem Tag) schwarz ist. Alles in allem bot der Farmaufenthalt ein erholsames Kontrastprogramm zum Großstadtstress.
Findling auf einer Anhöhe auf dem Farmgelände.
Mit Brownies in der Hand auf dem Heimweg vom Einkaufen
im Zentrum von Lincoln, MA.
Wandern durch das Assabet River National Wildlife Refuge.
See im Wald des Wildlife Refuge.
Entspannen nach einem langen Wandertag.
Der Walden Pond war kalt, sehr kalt. Kurz
bebadet musste er trotzdem werden. ^^
Graue Wolken und leichter Regen - nicht immer schien die Sonne.
In der Scheune drängten sich zahlreiche hoch-
schwangere Schafe.
Zwei Lämmer, keine zwei Tage jung.
Während wir abends entspannt beieinander saßen, schoben wir dann noch einen getrockneten Maiskolben in die Mikrowelle und schmatzten warmes Popkorn, während wir uns gegenseitig von vergangenen Reisen, den Abenteuern des Tages oder geplanten Ausflügen erzählten.
Popkorn frisch aus der Mikrowelle mit ein paar Maiskörnern
noch ungepoppt am Kolben.

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